Biographien der Vorstandsmitglieder gleichen sich weiter an

02 Apr 2019

Biographien der Vorstandsmitglieder gleichen sich weiter an

Die Werdegänge der Vorstandsmitglieder von im Deutschen Aktienindex (DAX) notierten Unternehmen folgen zunehmend einem ähnlichen Muster: Wirtschaftswissenschaftler dominieren, Branchenwechsler gibt es kaum, unternehmensinterne Kandidaten - so genannte "Eigengewächse" - sind die Regel.

Wesentliche Veränderungen sind dagegen beim Anteil der weiblichen Vorstandsmitglieder zu verzeichnen, der inzwischen bei 14 Prozent liegt, sowie beim Anteil der Ausländer: Ein Drittel der Vorstandsmitglieder im DAX sind mittlerweile nicht-deutscher Herkunft. Dies ist das Ergebnis des jüngsten DAX-Vorstands-Reports, mit dem Odgers Berndtson bereits zum 7. Mal die Profile sämtlicher Vorstandsmitglieder im DAX untersucht hat.

Der typische DAX-Vorstand hat Wirtschaftswissenschaften studiert, war einige Jahre im Ausland, hat stetig innerhalb seiner Branche Karriere gemacht und dabei selten das Unternehmen gewechselt. Denn bevor er im Alter von 48 Jahren in den Vorstand berufen wurde, hat er bereits 12 Jahre in demselben Unternehmen gearbeitet. Heute ist er 53 Jahre alt und verdient im Schnitt 3,7 Millionen Euro pro Jahr.

"Trotz vielfältiger Krisen und technologischer Herausforderungen sind die Entscheidungskriterien bei der Besetzung der wichtigsten deutschen Vorstandsposten in den letzten 15 Jahren weitgehend unverändert", sagt Michael Proft, Partner bei Odgers Berndtson und Leiter des DAX-Vorstands-Reports. "Hinsichtlich der akademischen Ausbildung und der Branchenerfahrung bzw. Unternehmenserfahrung der Vorstände haben sich die Werdegänge sogar eher angeglichen", kommentiert Michael Proft weiter.

Mehr Wirtschaftswissenschaftler, weniger Promovierte

Ihre Studienabschlüsse haben die Vorstandsmitglieder vor allem in den Fächern Wirtschaftswissenschaften, Ingenieurwesen, Naturwissenschaften und Jura erworben. Während Ingenieurwesen sowie Jura in den letzten Jahren deutliche Rückgänge verzeichnen, sind die Wirtschaftswissenschaftler stark auf dem Vormarsch. Fast 60 Prozent der Vorstandsmitglieder haben hier ihren Abschluss gemacht.

Die Promotion hat währenddessen stark an Bedeutung verloren. Hatten 2005 noch mehr als die Hälfte der DAX-Vorstände einen Doktortitel, waren es 2018 nur noch 34 Prozent. Grund hierfür ist vor allem die abnehmende Bedeutung und geringere gesellschaftliche Anerkennung der Promotion im Bereich der Wirtschaftswissenschaften und Rechtswissenschaften. An ihre Stelle sind größtenteils andere, praxisnähere Zusatzausbildungen, wie beispielsweise der MBA, getreten.

Die meisten Vorstandsmitglieder kommen von innen

Der Anteil der Vorstände, die vor ihrer Berufung bereits mehr als die Hälfte ihrer Karriere im Unternehmen verbracht hat – so genannte „Eigengewächse“ – ist im Jahr 2018 auf 58 Prozent gestiegen. Bei den DAX-Chefs liegt diese Quote sogar noch höher: 76 Prozent der CEOs werden aus internen Positionen rekrutiert.

Auch die Branchenzugehörigkeit der amtierenden Vorstände hat noch weiter an Bedeutung gewonnen. Der Anteil der Vorstandsmitglieder, die ihre Karriere zum größten Teil innerhalb derselben Branche verbracht haben, liegt inzwischen bei 80 Prozent, bei CEOs sind es sogar 83 Prozent. "Bei der Besetzung ihrer obersten Führungspositionen greifen die Unternehmen vor allem auf interne Kandidaten zurück", erläutert Michael Proft und ergänzt: "Quereinsteiger wie zum Beispiel Kasper Rorsted, der von Henkel zu adidas gewechselt ist, sind die Ausnahme."

Mehr Frauen in operativen Vorstandsressorts

Der DAX-Vorstands-Report zeigt jedoch auch, dass sich die Vorstandsgremien langsam wandeln. So ist etwa der Frauenanteil von gut einem Prozent im Jahr 2005 auf derzeit rund 14 Prozent gestiegen. Aktuell sind 26 der 190 Vorstandsmitglieder in DAX-Unternehmen weiblich. Die Vorständinnen verantworten dabei nicht mehr nur Zentralbereiche wie HR oder Compliance, sondern zunehmend auch operative Ressorts: 15 Frauen führen inzwischen  Geschäftsfelder oder Regionen. Eine Quotenregelung wie sie für Aufsichtsratsgremien gilt, gibt es für Vorstandsgremien bisher zwar nicht, dennoch ist davon auszugehen, dass der Frauenanteil in DAX-Unternehmen, von denen noch immer neun keine Frau im Vorstand haben, weiter steigen wird.

Vorstandsgremien werden endlich internationaler

Der Ausländeranteil unter den Vorstandsmitgliedern im DAX ist nach Jahren der Stagnation in 2018 endlich über 30 Prozent gestiegen. Gegenwärtig liegt der Anteil der Nicht-Deutschen in den Gremien bei 33 Prozent. Gut die Hälfte der ausländischen Top-Führungskräfte kommt dabei aus europäischen Ländern wie Großbritannien, Frankreich, Spanien oder Schweden. Ein Fünftel der Top-Manager stammt aus den USA. Unter den 2018 neu berufenen Vorstandsmitgliedern im DAX beträgt der Ausländeranteil sogar 43 Prozent. "Diese Entwicklung ist längst überfällig", so Michael Proft, "spiegelt sie die Marktabdeckung und globale Vernetzung der Konzerne doch endlich angemessen wieder."

Weniger Zeit für parallele Aufsichtsratsposten

Schließlich hat sich auch die Unternehmenskontrolle deutlich gewandelt. Die gestiegenen Anforderungen an die Unternehmensführung sowie der deutlich verschärfte Verhaltenskodex für Aufsichtsräte haben dazu geführt, dass DAX-Vorstände heute nur noch sehr wenige Aufsichtsmandate zusätzlich innehaben. Die Zahl der Aufsichtsratsposten, die ein Vorstandsmitglied parallel zu seinen Vorstandsaufgaben ausübt, ist in den letzten zehn Jahren von durchschnittlich 5 auf 2 gesunken.

Die Ergebnisse des 7. DAX-Vorstands-Reports finden Sie hier zum Download

 


Zur Methodik des DAX-Vorstands-Report:

Analysiert wurden die Lebensläufe aller Vorstandsmitglieder im DAX der Jahre 2005, 2009 sowie 2013 bis 2018 jeweils zur Jahresmitte. Seit 30.06.2015 wurden außerdem die Besonderheiten von Personalvorständen sowie die Vergütungen aller DAX-Vorstände untersucht. Als Quellen dienten Daten von Odgers Berndtson, die Geschäfts- bzw. Vergütungsberichte der relevanten Betrachtungszeitpunkte sowie öffentlich zugängliche Informationen aus Internet und Online-Archiven, im Einzelfall auch aus den Presseabteilungen der Unternehmen.