Der Neurobiologe Prof. Dr. Gerald Hüther erläutert, warum und wie der Mensch bis ins hohe Alter lernen kann.

 

positionen: Herr Professor Hüther, wie lernt man etwas Neues?

Prof. Hüther: Lernen ist das Interessanteste, was unser Gehirn leisten kann. Im Grunde genommen lernen wir niemals etwas ganz Neues, denn unsere Nervenzellen haben längst Vernetzungen aufgebaut, wenn wir auf die Welt kommen. Bereits vor der Geburt wird Nervenzellen-Vernetzungsmaterial bereitgestellt, sogar viel mehr, als wir tatsächlich benötigen. Im Laufe unseres Lebens werden die Nervenzellen-Vernetzungen immer weiter aufgebaut. Dabei muss das Neue immer irgendwie zu dem passen, was schon da ist. Der Lernstoff muss also anknüpfbar sein.

positionen: Wann lernt unser Gehirn am besten?

Prof. Hüther: Als Kind haben wir eine Entdeckung nach der anderen gemacht und uns wie verrückt begeistert. Kleine Kinder erleben am Tag fünfzig- bis hundertmal einen Sturm der Begeisterung, der durch ihr Gehirn geht. Diesen Aspekt haben Neurobiologen in den letzten Jahren genauer untersucht. Demnach lernen wir nicht durch das, was wir einfach nur so tun. Oder anders ausgedrückt: Das Gehirn ist kein Muskel! Sie können üben und trainieren, so viel Sie wollen. Entscheidend ist, dass uns das, was wir lernen wollen, unter die Haut geht, dass wir begeistert sind.

 

positionen: Das kann man vielleicht bei Kindern beobachten, aber bei Erwachsenen?

Prof. Hüther: Diese Prozesse lassen sich bei Menschen jeden Alters nachweisen. Jedes Mal, wenn wir etwas entdecken, das für uns bedeutsam ist, geht es unter die Haut, und es kommt im Gehirn zur Aktivierung der sogenannten emotionalen Zentren. Sie liegen im Mittelhirn und haben Verbindungen zu allen anderen Bereichen. Wenn diese emotionalen Zentren erregt werden, kommt es dann auch automatisch zu einem gewissen Durcheinander in den Bereichen, die für die körperliche Regulation zuständig sind.

positionen: Deshalb ist man so aufgeregt, wenn man etwas Bedeutsames lernt.

Prof. Hüther: Sozusagen. Herzklopfen oder Hitzewallungen sind beispielsweise typische somatische Marker, die sich dann einstellen, wenn einem etwas unter die Haut geht. Und wenn man dann eine Lösung findet, verwandelt sich dieses Durcheinander wieder in Ordnung. Dabei werden sogenannte „Neuroplastische Botenstoffe“ freigesetzt. Diese wirken wie "Dünger" und stabilisieren all jene Netzwerke im Hirn, die zur Lösung des Problems beigetragen haben.

positionen: Je mehr solche positiven Emotionen hervorgerufen werden, desto besser lernen wir also?

Prof. Hüther: Genau. Nur wenn die emotionalen Zentren erregt werden - wenn uns zum Beispiel etwas richtig gut gelungen ist oder wir eine neue Erkenntnis gewonnen haben - werden im Gehirn diese neuroplastischen Botenstoffe ausgeschüttet. Zu denen zählen u.a. Endorphine und das Oxytocin, die unsere Nervenzellen dazu bringen, neue Eiweiße zu produzieren. Die brauchen sie, um neue Fortsätze und Kontakte zu bilden. Deshalb finden strukturelle Umformungsprozesse im Gehirn immer dann statt, wenn wir uns im Zustand der Begeisterung befinden.

positionen: Daher haben wir als kleines Kind so viel gelernt. Und dann wurden wir in die Schule geschickt, haben eine Ausbildung gemacht und einen Beruf ergriffen, und die Augenblicke der Begeisterung wurden immer seltener...

Prof. Hüther: Es stimmt, dass im Erwachsenenalter nicht mehr so viel im Gehirn umgebaut wird. Das heißt aber nicht, dass es nicht mehr möglich wäre! Wir können bis ins hohe Alter etwas Neues dazulernen. Wenn man im Alter nichts Neues mehr lernt, ist das kein hirntechnisches Problem, sondern ein Begeisterungsproblem.

positionen: Wo liegen die Ursachen für dieses Begeisterungsproblem?

Prof Hüther: Wir leben heute in einer Kultur der gegenseitigen Be- und Abwertung. Wenn ein Mensch beispielsweise negative Erfahrungen gemacht hat und daraus die feste Überzeugung entstanden ist wie "Lernen ist doof" oder "Sich anstrengen ist blöd", dann ist das meist eine Erfahrung, die ihm andere durch ihre Bewertungen angetan haben. Er fühlt sich als Objekt behandelt, verliert die Lust am Lernen - und behandelt andere wiederum als Objekt, indem er etwa denkt "Blöder Lehrer". Solche ungünstigen Erfahrungen sind häufig in unserer Beziehungskultur. Wir belehren ständig andere, wir erhöhen uns auf Kosten anderer. So können keine positiven Lernerfahrungen gemacht werden und sich auch keine Potenziale entfalten.

positionen: Wie können wir auch im fortgeschrittenem Alter für die erforderliche Begeisterung sorgen?

Prof. Hüther: Um uns zu begeistern brauchen wir andere Menschen. Und zwar Menschen, die uns einladen, ermutigen und inspirieren, noch einmal etwas Neues lernen zu wollen. Wir müssten dafür eine Beziehungskultur auf Augenhöhe entwickeln, in der wir uns nicht gegenseitig als Objekte behandeln, sondern einander mit Wertschätzung als Subjekte begegnen.

 

Prof. Dr. Gerald Hüther

Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. habil. Gerald Hüther ist Neurobiologe an der Universität Göttingen. Wissenschaftlich befasst er sich u.a. mit den Wirkungsmechanismen von Psychopharmaka, dem Einfluss früher Erfahrungen auf die Hirnentwicklung, mit den Auswirkungen von Angst und Stress sowie der Bedeutung emotionaler Reaktionen bei Lernprozessen und der neurobiologischen Verankerung von Erfahrungen. Er ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen und populärwissenschaftlicher Darstellungen und Vorstand der von ihm gegründeten Akademie für Potenzialentfaltung.

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