Plötzlich steht er in der Tür – mit seiner Teekanne in der Hand: Franz-Peter Falke, der zusammen mit seinem Cousin Paul das Markenunternehmen Falke im Sauerland führt. Sein Tee begleitet ihn von Besprechung zu Besprechung. Auch dadurch wurde er dem Unternehmen unnötige Kosten sparen, sagt Falke augenzwinkernd. In vierter Generation haben die Cousins den Führungsstab übernommen. Aus einem einstigen Strumpfstricker ist ein Hersteller moderner Accessoires geworden. Das Familienunternehmen mit einem Umsatz von 223 Mio. Euro (2013) und einem Auslandsumsatzanteil von 44 Prozent ist eine Fallstudie, die beweist, dass eine Traditionsmarke über 120 Jahre relevant und wettbewerbsfähig bleibt –ohne die Produktion in Niedriglohnländer außerhalb Europas auszulagern.

Mit Franz­Peter Falke sprach Gabriele Stahl. Fotos von Frank Blümler

 

positionen: Herr Falke, wir sind hier in Ihrem Showroom umgeben von 68 besockten oder bestrumpften Beinen – in den unterschiedlichsten Designs und Farben. Seit 120 Jahren kommen aus dem sauerländischen Schmallenberg FALKE-Produkte in hochwertiger Qualität. Das Unternehmen wird in vierter Generation von der Familie geführt. Was ist Ihr Erfolgsrezept?


Franz-Peter Falke: Wir haben uns immer unsere Neugierde und unsere Kreativität bewahrt. Und das meine ich ganz wörtlich: die Gier nach Neuem. Gleichzeitig waren und sind wir immer bereit, alles zu geben, um ein Produkt in bester Qualität herzustellen.

 

positionen: Wie stark hängt die Kreativität Ihrer Marke von den Designern ab, mit denen Sie zusammenarbeiten?


Franz-Peter Falke: Wir arbeiten mit namhaften Designern in einem internationalen Netzwerk zusammen. Sie sind dann tageweise hier bei uns im Studio in Schmallenberg, um ihre Entwürfe vorzustellen und umzusetzen. Doch Kreativität fängt viel früher an. Sie beginnt bei der Garnauswahl, geht mit der Farbselektion weiter und mündet schließlich in der Frage nach der optimalen Passform. Die Skizzen der Designer werden mit unseren Technikern entwickelt. Kreativität ist ein Zusammenspiel von Design, Technik und Produktentwicklung. Erst dann kann das Produkt entstehen, das wir unter der Marke FALKE verkaufen. All diese Leistungen entspringen klaren Konzepten, die sich aus der Identität und dem Anspruch der Marke ergeben.

 

positionen: Gerade in der Textil- und Modebranche ist der internationale Wettbewerb unerbittlich. Wo produzieren Sie und wie schaffen Sie es, dass Ihre hohen Qualitätsanforderungen eingehalten werden?


Franz-Peter Falke: Bereits Ende der 1960er-Jahre, als die Globalisierung langsam begann, sind wir nach Portugal gegangen, wo wir damals unser erstes Auslandswerk eröffnet haben. Dabei haben wir die technisch anspruchsvollen Prozesse in Deutschland behalten und die arbeitsintensiven Prozesse nach Portugal ausgelagert. Arbeitsintensiv sind alle Arbeitsschritte, die nach der Rundstrickmaschine kommen. Dann muss der Schlauch konfektioniert, teilweise mehrfach gebügelt und gefärbt werden. Unter anderem durch diese Arbeitsteilung und eine ausgeklügelte Logistik bewahren wir uns unsere Wettbewerbsfähigkeit. Unter Vollkostenbetrachtung produzieren wir in unseren Werken in Europa heute genauso teuer oder preiswert wie an einem Standort in Asien.

positionen: Wie hoch ist der Inlandsanteil Ihrer Produktion?


Franz-Peter Falke: Stricken lassen wir zu 65 Prozent im Inland. Die Konfektionierung findet zu 75 Prozent in unseren Werken in Europa statt. Mittlerweile produzieren wir nicht nur in Portugal, sondern auch in Werken in Tunesien, Serbien, der Slowakei und Südafrika. Allerdings nimmt Südafrika hier eine Sonderrolle ein. 1969 haben wir dort unser erstes Werk eröffnet – ursprünglich als Garnfärberei für die Teppichindustrie, später auch für Strümpfe. Heute haben wir in Südafrika eine dominierende Marktposition und produzieren von dort für den US-Markt.

 

positionen: Welche Werte gibt es, die das Fortbestehen der Marke FALKE über diese lange Zeit gesichert haben?


Franz-Peter Falke: Vor allem unser Verständnis von Qualität. Und damit meine ich Qualität nicht reduziert auf Produktqualität, sondern in einem umfassenden Sinne. Um unsere Qualität zu sichern, entwickeln wir nicht nur unsere Garne, sondern auch unsere Maschinen zusammen mit den Herstellern selbst. Unser Anspruch ist es, höchste Qualität bei allen unseren Leistungen sicherzustellen.

 

positionen: Was macht die Marke FALKE aus? Was verbinden Ihre Kunden damit?


Franz-Peter Falke: Eine eigene Handschrift, eine einzigartige Inszenierung des Produkts und unsere Vision, moderne Bekleidung für moderne Menschen zu machen. Modernität ist dabei nicht gleichzusetzen mit modisch! Wir sind kein Modeunternehmen, das jeden Trend mitmacht. Wir sind ein Unternehmen, das vorwärtsgewandt ist. Moderne Bekleidung sehen wir eher im Sinne des Bauhaus-Gedankens: puristisch, introvertiert, funktional, eine klare Formsprache, die mit Wärme verbunden ist.

 

positionen: FALKE hat vor einigen Jahren mit dem „Ergonomic Sport System“ seine eigene Sportlinie gegründet. Wie wichtig ist der Bereich für die Zukunft von FALKE?


Franz-Peter Falke: Sehr wichtig, denn der Sportbereich hat die größte Dynamik, was Innovation und Wachstum angeht. Das Sportsegment macht derzeit rund 30 Prozent unseres Umsatzes aus. Wir offerieren Sportprodukte, die so entwickelt sind, dass sie die für jede Sportart spezifischen physiologischen Ansprüche berücksichtigen. Sowohl passiv, indem die Muskulatur entlastet wird, als auch aktiv, indem beispielsweise durch das Strumpfdesign die Leistungsfähigkeit verbessert wird.

 

positionen: Das klingt nicht mehr nur nach Strumpfherstellung.


Franz-Peter Falke: Die Sportsocke hat eine bemerkenswerte Evolution hinter sich: Bis Anfang der 1990er-Jahre verband man mit der Sportsocke die weiße Tennissocke. Dann wurde allmählich die Sportbekleidung immer sportartspezifischer und technischer. Unser Ergonomic Sport System ist ein System, das vertikal und horizontal komplex aufgebaut ist. Horizontal, indem die Funktionsunterwäsche durch eine zweite oder dritte Bekleidungsschicht ergänzt wird, und vertikal, indem wir vom Strumpf über die Unterwäsche bis zur Oberbekleidung denken. Auf diese Weise kann unser System seine physiologische Funktionalität voll entfalten. Wir sind schon lange nicht mehr der Strumpfstricker, sondern der Hersteller von modernen Accessoires.

 

positionen: Was oder wo wird der nächste Entwicklungssprung sein?


Franz-Peter Falke: Genau dort, im Sportbereich. Wir arbeiten derzeit an unserer nächsten Generation von Sportprodukten. Das ist ein großes Forschungs- und Innovationsprojekt, zu dem ich derzeit noch nicht mehr sagen kann.

 

positionen: Auf welche Vertriebskanäle setzen Sie in der Zukunft?


Franz-Peter Falke: Unsere Distribution ist sehr selektiv. Nicht nur unter Marken-, sondern auch unter Servicegesichtspunkten. Wir haben derzeit eine Mischung aus Flagship-Stores, Shops-in- Shops, den klassischen Fachhändlern und Mono- Brand-Stores. Mono-Brand-Stores sind nur für bestimmte Standorte geeignet, wie z.B. Flughäfen. Ansonsten arbeiten wir lieber mit Partnern zusammen. Vor allem unsere Shops-in-Shops sind sehr erfolgreich.

 

positionen: Wo kommt bei Ihnen der Fachhandel ins Spiel?


Franz-Peter Falke: Den Fachhandel brauchen wir als Partner insbesondere für unsere Sportprodukte, denn diese sind als Hightech-Produkte sehr erklärungsbedürftig. Die Sportfreaks wollen sich die beste Ausrüstung kaufen und erwarten beim Kauf eine entsprechende Beratung. Lancieren wir ein neues Hightech-Produkt, fängt unsere Distribution mit einer sehr spitzen Zielgruppe an, die zunächst nur von spezifischen Händlern bedient wird. Bevor sich diese Sportfreaks an ihren Händler wenden, tauschen sie sich in ihren Communitys, oft auch online, über neue Produkte aus.

 

positionen: Welche Rolle spielt E-Commerce bei Ihnen?


Franz-Peter Falke: Den Onlinehandel sehen wir komplementär zu unseren traditionellen Vertriebswegen. Der FALKE-Onlineshop oder auch die Onlineshops unserer Händler sind Anlaufpunkte für unsere Stammkunden, für die diese Art von Einkaufen einfach bequem ist. Viele Händler bieten aufgrund ihrer begrenzten Verkaufsfläche nicht die ganze Bandbreite von Produkten an. Beispielsweise werden in Deutschland zu 90 Prozent Socken verkauft und nur zu zehn Prozent knielange Strümpfe. In Italien ist es genau umgekehrt. Wo bekommt also ein deutscher Kunde seine knielangen Strümpfe her? Der Onlineshop bietet da eine gute Einkaufsmöglichkeit. E-Commerce ist ein weiteres Tool, das uns die Möglichkeit gibt, neue Märkte aufzubauen und das Sterben des stationären Einzelhandels ein wenig zu kompensieren.

 

positionen: Wie genau meinen Sie das?


Franz-Peter Falke: Ich wünsche mir, dass der Handel, insbesondere der kleinere Fachhandel, deutlich innovativer, dynamischer, eigenständiger und mutiger ist. Meiner Meinung nach ist das Einzelhandelssterben zum Teil auch hausgemacht. Nicht nur wegen der fehlenden Nachfolge, sondern auch weil sich viele kleinere Einzelhändler nie gefragt haben, in welchem Business sie eigentlich sind. Sie orientieren sich häufig an den Großen ihrer Branche, gehen vermeintlich auf Nummer sicher und bieten häufig das gleiche Sortiment an wie die Großen. Dabei können sie mit diesen preislich nicht mithalten. Die Kunden wollen Vielfalt, keine Eintönigkeit. Sie wollen eine persönliche Ansprache und wollen wieder als Mensch wahrgenommen und beraten werden.

 

positionen: Auf dem Weg zum Interview mit Ihnen hier in Schmallenberg sind wir das letzte Stück auf Landstraßen durch das Sauerland gefahren. Landschaftlich sehr schön, verkehrstechnisch aber weniger reizvoll. Wie schaffen Sie es, qualifizierte Mitarbeiter hierherzulocken?


Franz-Peter Falke: Das ist für uns weniger ein Problem. Ich sehe das Problem eher darin, Mitarbeiter zu finden, die einerseits Spezialisten sind, aber sich gleichzeitig den Blick fürs Ganze bewahrt haben. Heutzutage ist das Silodenken stark verbreitet. Doch ein Unternehmen ist ein soziales System, das jeder einzelne Mitarbeiter auch jenseits seines Fachgebiets im Blick haben und verstehen sollte.

 

positionen: Wie leicht finden Sie Textil- Fachkräfte?


Franz-Peter Falke: Eher nur sehr schwierig. Deswegen gibt es jetzt seitens unseres Verbands der Nordwestdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie e.V. in Münster die Initiative, in Mönchengladbach eine eigene Akademie zur Ausbildung von Textil-Fachkräften zu gründen.

 

positionen: Und wie sieht es mit den Spitzenkräften bei FALKE aus – mit Ihnen und Ihrem Cousin Paul? Sie beide leiten seit 25 Jahren das Unternehmen, Sie selbst werden bald 64 Jahre alt. Ist ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin bereits in Sicht?


Franz-Peter Falke: Es gibt genug Potenzial, aber schließlich gehören immer zwei dazu: der eine, der sich diese Nachfolge wünscht, und der andere, der diese Nachfolge dann auch antreten möchte. Die Familie soll auf jeden Fall als Gesellschafter im Unternehmen präsent bleiben. Die Geschäfte zu führen ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Das darf unser Nachfolger nicht als Bürde verstehen, sondern sollte es als Chance sehen, den Stab zu übernehmen, den wir über Generationen weitergegeben haben. Auf alle Fälle muss die Geschäftsführung in den Händen einer bestens qualifizierten und seriösen Person liegen, unabhängig von der gesellschaftsrechtlichen Stellung.

 

positionen: Herr Falke, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 


Franz-Peter Falke
Zusammen mit seinem Cousin Paul steht Franz-Peter Falke als geschäftsführender Gesellschafter seit 1990 an der Spitze der FALKE GRUPPE. Sein Studium der Wirtschaftswissenschaften in St.Gallen rundete Franz-Peter Falke mit einem einjährigen Studium an der Textilfachschule ab. Fünf Jahre war er Assistent der Geschäftsführung bei der Oetker-Gruppe, bevor er 1980 als Geschäftsführer zum Familienunternehmen FALKE Fashion in Schmallenberg im Sauerland wechselte. Seinen Anspruch an Qualität lebt er auch als Winzer. Im FALKE-Outlet gibt es nicht nur Socken und Sportkleidung, sondern auch Franz-Peters Sauvignon blanc aus Stellenbosch in Südafrika.

FALKE GRUPPE
Vor mehr als 120 Jahren als Strickerei gegründet, ist FALKE heute ein erfolgreicher Markenhersteller von Strumpfwaren, Sportbekleidung, Herrenmode sowie modernen Accessoires. Das Familienunternehmen erwirtschaftete im Jahr 2013 einen Umsatz von rund 226 Mio. Euro. Dabei wurden 44 Prozent des Umsatzes im Ausland erzielt. Am Stammsitz in Schmallenberg, in Dorfchemnitz, Portugal, der Slowakei, Südafrika, Tunesien und Serbien beschäftigt die Gruppe weltweit insgesamt 3.200 Mitarbeiter.
Gabriele Stahl

Gabriele leads the consumer practice in Germany. She advises family owned as well as global enterprises in the FMCG industry. In the consumer goods industry and in retail Gabriele fills positions a...

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