In den Vorständen von Deutschlands Börsenkonzernen sind Frauen nach wie vor eine Seltenheit. Das ist die Folge einer falschen und zu zaghaften Strategie der Firmen. Nun brechen alte Verhaltensmuster langsam auf.

Angela Titzrath hat die Welt gesehen und bewiesen, vielfältig einsetzbar zu sein. Sie hat für den Daimler -Konzern in Italien als Controllerin gearbeitet, als kaufmännische Geschäftsführerin in Spanien, hat das Bankgeschäft in Kanada aufgebaut und nicht zuletzt die Bus-Produktion in Indien organisiert. Nach einem kurzen Zwischenschritt als Personalchefin der DHL amtiert sie nun seit fast einem Jahr als Vorstandschefin von Deutschlands größtem Hafenkonzern, der HHLA in Hamburg.

Eine Frau an der Spitze eines großen, namhaften Unternehmens? In Deutschland? Das ist eigentlich kaum zu glauben. Tatsächlich finden sich außer der heute 51-jährigen Titzrath nur noch zwei weitere Frauen, die ein Unternehmen führen, das in einem der deutschen Aktienindizes notiert ist. Sonja Wärntges leitet das Immobilienunternehmen DIC Asset , das wie die HHLA im SDax beheimatet ist, Prof. Dr. Dolores J. Schendel führt das TecDax-Unternehmen Medigene . Im MDax-Segment dagegen sind Frauen an der Spitze von Unternehmen Fehlanzeige. Ebenso bei den größten börsennotierten Unternehmen, den Dax-Konzernen.

Unter den „einfachen“ Vorstandsmitgliedern ist der Frauenanteil zwar höher, aber ebenfalls noch sehr ausbaufähig: Unserem neuesten Dax-Vorstands-Report zufolge sind von 201 Vorstandsmitgliedern 27 Frauen. Anders ausgedrückt: Auf 174 dieser hochkarätigen Positionen arbeiten Männer, das entspricht einem Anteil von über 86 Prozent. In Zeiten wie diesen, in denen praktisch alle Unternehmen den Diversity-Gedanken proklamieren, ist dieser homöopathische Frauenanteil kein Aushängeschild. Bekämen die Konzerne ein Zeugnis ausgestellt, würde darunter stehen: Versetzung ausgeschlossen.

Die Suche nach den Gründen führt direkt zu den bisherigen Gepflogenheiten der Unternehmen, Vorstände und Vorstandschefs zu rekrutieren. Denn viele Biographien der heutigen weiblichen Vorstandsmitglieder haben bisher eines gemeinsam: Die Topmanagerinnen haben vor ihrem Aufstieg in das höchste Führungsgremium in einem der sogenannten Zentralbereiche gearbeitet, dazu zählen etwa die Abteilungen Einkauf, Personal, Recht und Compliance. Erst seit kurzem führen Vorstandsfrauen in Dax-Konzernen auch zunehmend operative Bereiche, also Geschäftsfelder oder Regionen, wie unsere Studie zeigt. Die Verantwortung für einen dieser Umsatzbringer ist für eine „Kronprinzenrolle“ nun mal unabdingbar. Somit ist den Damen, die in den Zentralbereichen verharren, grundsätzlich der Weg nach ganz oben verbaut.

Fortschrittliche Familienunternehmen

Fortschrittlicher zeigt sich so manches Familienunternehmen. Nicola Leibinger-Kammüller, langjährige Chefin des Technologieunternehmens Trumpf, ist nur ein Beleg für diese Erkenntnis. In den Familienunternehmen entscheiden die Kontrollgremien nicht nach dem Kriterium Quote, sondern nach Qualität. Der „Beste“ sollte das Erbe der Führung antreten, und „der Beste“ konnte eben auch „die Beste“ sein.

Alle anderen Unternehmen haben leider erst vor einigen Jahren damit begonnen, intensiv in die Förderung weiblicher Talente zu investieren, gerade auch in den Kernbereichen wie Produktion, Vertrieb, Forschung & Entwicklung sowie Engineering. Und bis es ausreichend viele weibliche Talente geschafft haben, sich erfolgreich durchzusetzen und genügend Erfahrung, Seniorität und strategische Kompetenz anzueignen, wird es leider noch einige Jahre dauern.

Wenn dann irgendwann in ferner Zukunft die erste Vorstandschefin eines Dax-Konzerns bekanntgegeben wird, dann kann man nur eines hoffen: dass sie, im Rampenlicht stehend, nicht schnell verheizt wird, sondern einfach einen guten Job macht.

Nicht völlig unrealistisch, dass die heutige HHLA-Chefin Titzrath eines Tages an die Spitze eines Dax-Konzerns rückt. Die studierte Ökonomin, die fünf Sprachen spricht, braucht dafür aber vor allem erst einmal Erfolg bei ihrem jetzigen Arbeitgeber.

Link zum Handelsblatt Expertenrat 

Klaus Hansen ist Managing Partner der Personalberatung Odgers Berndtson und leitet die Practices "Board & Chair" sowie „CEO“ in Deutschland. Für das Handelsblatt schreibt er über aktuelle Themen rund um Topmanager, Führung und Karriere.

Klaus Hansen

Klaus Hansen has been with Odgers Berndtson since 1995. He heads the "Board & Chair" and "CEO" practices in Germany. Klaus primarily focuses on the search for and assessment of executive and non-ex...

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