QIAGEN ist seit 30 Jahren erfolgreich am Markt, hat sich aber dennoch seine Wandlungsfähigkeit bewahrt. Peer M. Schatz steht an der Spitze des börsennotierten Biotechunternehmens. Er verkörpert das, was viele Mitarbeiter reizt und im Unternehmen hält: das Multinationale und das Streben, in der Wissenschaft eine wichtige Rolle zu spielen.

Mit Peer M. Schatz sprach Hubert Lindenblatt. Fotos von Frank Blümler

positionen: Herr Schatz, Sie kamen 1993 in ein Unternehmen mit 30 Mitarbeitern und einem Umsatz von rund zwei Millionen Dollar. Heute sind es mehr als 4.600 Mitarbeiter an über 35 Standorten und 1,4 Milliarden Dollar Umsatz. Was hat sich QIAGEN aus der Anfangszeit bewahrt, was hat sich verändert?

Peer M. Schatz: Eines der wichtigsten Erfolgsmerkmale ist, dass QIAGEN adaptiv ist. Das Unternehmen hat sich immer wieder auf neue Erfordernisse, was Marktentwicklung und eigene Expansion angeht, ausgerichtet. Was wir uns bewahrt haben, sind die unternehmerische Ungeduld, die wissenschaftliche Neugier und die Freude daran, in der Wissenschaft eine wichtige Rolle zu spielen.

positionen: Sie selbst haben drei Pässe und sind teils in den USA, teils in der Schweiz aufgewachsen. Studiert haben Sie Betriebswirtschaftslehre und Sozialwissenschaften. Warum sind Sie dann bei einem Biotechunternehmen gelandet? Hat Ihr Vater, der renommierte Biochemiker Gottfried Schatz, Sie hier beeinflusst?

Peer M. Schatz: Zwar wird die von ihm mitentdeckte mitochondriale DNA nur über die Mutterlinie vererbt, aber da die Hälfte meines übrigen Genoms von ihm stammt, habe ich viel von seinen Erbanlagen abbekommen (lacht). Ursprünglich hatte ich nicht das Ziel, mich in der Wissenschaft unternehmerisch zu betätigen. Ich habe in der IT angefangen und in den frühen 1980er-Jahren große Freude daran gehabt, Unternehmen aufzubauen. Damals habe ich aber schon gesehen, dass die Biologie ein für mich noch viel spannenderes Feld für Technologierevolution ist, da sie viel näher am Menschen ist.

positionen: Was reizt Sie an der Molekularbiologie?

Peer M. Schatz: Der damals neu entstehende Forschungszweig hat meine Begeisterung weniger als potenzieller Wissenschaftler, sondern vielmehr als Unternehmer geweckt. Meine Begeisterung war so groß, dass ich nebenher ein paar Semester lang molekularbiologische Vorlesungen besucht habe. Molekularbiologie ist eine Industrie, die unglaublich spannend ist, weil sich der technologische Fortschritt exponentiell beschleunigt. Wir stehen aber noch ganz am Anfang und haben wahrscheinlich erst einen kleinen Bruchteil der Entwicklung gesehen.

positionen: Wie wichtig ist Ihnen Unternehmenskultur? Gibt es bei all den unterschiedlichen Nationalitäten und Hintergründen den „typischen“ QIAGEN Mitarbeiter?

Peer M. Schatz: Ich denke ja. Unternehmenskultur besitzt eine der höchsten Prioritäten für ein Führungsteam und für jeden Mitarbeiter. Unsere Mitarbeiter haben als oberstes Ziel, diese zu erhalten und zu pflegen, aber auch ständig weiterzuentwickeln und neue Elemente einzubringen. Das ist sicherlich eine schwierige Aufgabe, denn ihre Arbeit fließt in einen jahrelangen Prozess ein, der nicht immer sofortige Wirkung zeigt.

positionen: Wie machen Sie diese Kultur für Ihre Mitarbeiter im Arbeitsalltag konkret spürbar?

Peer M. Schatz: QIAGEN ist im Herzen immer ein Unternehmen geblieben, das umkämpfte Märkte erobern will. Dabei haben wir nie eine Arroganz entwickelt, sind große Aufgaben immer mit einer Kombination von Selbstbewusstsein und Demut angegangen. Wir feiern weniger Zahlen und Ergebnisse, sondern eher die Tatsache, dass wir in bestimmten Bereichen einen spürbaren Einfluss haben können. Das wird jedes Jahr im Herbst deutlich, wenn die Nobelpreise verliehen werden.

positionen: Fiebern Sie und Ihre Mitarbeiter dann mit?

Peer M. Schatz: Ja, sicher. Das Erste, was wir hier im Unternehmen machen – und das mache ich auch gern selbst –, ist zu schauen, ob QIAGEN für die Arbeit des Preisträgers eine Rolle gespielt hat. Ob er Kunde von uns ist. Oft versuche ich, im Internet ein Foto des Wissenschaftlers im Labor zu finden. In den vergangenen zehn Jahren lieferten die Top-Suchergebnisse immer Laborfotos der Preisträger, auf denen im Hintergrund QIAGEN Kartons zu erkennen waren. Diese Fotos, die auf einen Blick die Verbindung zwischen Spitzenerfolgen eines Wissenschaftlers und QIAGEN zeigen, nutzen wir nicht zu Werbezwecken, sondern für die interne Motivation unserer Mitarbeiter. Diese Momente zelebrieren wir im Unternehmen.

positionen: Die Flüssigbiopsie ist eines der Diagnoseverfahren, das den Durchbruch in der Tumorerkennung und -überwachung bringen könnte. QIAGEN arbeitet seit 20 Jahren daran. Wie gehen Sie mit den Zeitdimensionen in der Biotechnologie unternehmerisch um?

Peer M. Schatz: Damit unternehmerisch umzugehen, ist in der Tat schwierig. Unsere Industrie ist ein Lieferant, der notorisch zu spät kommt. Die Biotechnologie verspricht Dinge, die wir zwar einhalten, aber oft erst mit deutlicher Verzögerung. Kein Wunder, dass das häufig für Unzufriedenheit sorgt. Grund dafür ist, dass vieles zwar schnell umsetzbar ist, aber in langen Versuchsphasen optimiert und validiert werden muss. Wir versuchen gegenzusteuern, indem wir uns möglichst vorsichtig zu laufenden Entwicklungen äußern, aber auch, indem wir schon in frühesten Phasen diese Forschung und Validierung unterstützen.

positionen: Welche Rolle spielt QIAGEN in der Flüssigbiopsie?

Peer M. Schatz: Der Grundansatz der Flüssigbiopsie – also die Möglichkeit, DNA-Bruchstücke im Blut zu analytischen Zwecken zu nutzen – ist seit den 1950er-Jahren bekannt. Wir haben in den späten 1990er-Jahren damit angefangen, Lösungen für Flüssigbiopsien zu erforschen und zu entwickeln. Wenige Jahre später hatten wir die ersten Produkte auf dem Markt und konnten damit weitere Forschung finanzieren. Heute redet die ganze Welt über die Möglichkeiten der Flüssigbiopsie – und unser Marktanteil in der Probenprozessierungstechnologie dürfte bei 80 bis 90 Prozent liegen.

positionen: Hat die Flüssigbiopsie die konventionelle Technik der Gewebeprobe abgelöst?

Peer M. Schatz: Der Markt für Flüssigbiopsien wächst rasant. Doch bis weitere Anwendungen wie die Früherkennung validiert sind, wird die Flüssigbiopsie eher nur dort eingesetzt werden, wo man keine Gewebeproben entnehmen kann. Für viele Jahre wird die Flüssigbiopsie eine Zusatzanwendung für bestimmte Patienten bleiben, die für die Belastung einer konventionellen Biopsie körperlich zu schwach sind oder die, wie im Fall von Kindern, der Belastung nicht ausgesetzt werden sollen. Erst wenn wir mehr Daten haben werden, besteht die Chance, dass sich die Flüssigbiopsie zu einer Primäranwendung entwickelt.

positionen: Was sind für Ihr Unternehmen neben der Flüssigbiopsie wichtige Themen und Technologien?

Peer M. Schatz: Im Prinzip haben wir mehrere zukunftsweisende Forschungsthemen, mit denen wir als Unternehmen neue Felder früh besetzt haben und vorantreiben: Dazu zählen unter anderem die bereits erläuterten Flüssigbiopsien, das menschliche Mikrobiom, Einzelzellanalysen, die Bioinformatik und das Next Generation Sequencing.

positionen: Warum erforschen Sie das menschliche Mikrobiom?

Peer M. Schatz: Die etwa zwei Kilogramm Bakterien, die jeder Mensch in sich trägt und die konstant Chemikalien produzieren, haben eine starke Wirkung auf die Biologie. Mittlerweile verfügen wir über neue Möglichkeiten, diese Bakterienvielfalt zu messen und zu analysieren. Und vor allem zu interpretieren, was die Zusammensetzung des Mikrobioms eines Menschen für die Einnahme von Arzneimitteln oder für die Entstehung von Krankheiten bedeutet. Noch ist es überwiegend eine Forschungsanwendung, doch wird die Analyse des Mikrobioms irgendwann auch ihre Rolle im klinischen Alltag spielen.

positionen: Warum sind Einzelzellanalysen so richtungsweisend?

Peer M. Schatz: Sie werden unser Verständnis von Biologie radikal ändern. Bislang haben wir immer Gewebemassen untersucht, die aber unterschiedliche Subpopulationen von Zellen enthalten und dadurch äußerst heterogen sind. Diese Heterogenität können wir mit der Einzelzellanalyse auflösen und einzelne Zellen und ihre Entwicklung erforschen – und dieses Wissen wird in der Diagnostik an Bedeutung gewinnen. Beides – Mikrobiom- und Einzelzellanalysen – wird die individuelle Treffsicherheit einer Therapie erhöhen, weil mit Störfaktoren anders umgegangen werden kann, und es verspricht Fortschritte bei der Behandlung von den rasant zunehmenden Autoimmunkrankheiten wie Diabetes und Rheuma oder auch von neurodegenerativen Erkrankungen.

positionen: Wie weit ist QIAGEN beim Thema Digitalisierung?

Peer M. Schatz: Wir arbeiten unglaublich tief in der Biologie, haben aber die Digitalisierung als Kernkompetenz sehr frühzeitig aufgegriffen. Bereits vor 20 Jahren haben wir angefangen, unsere Erkenntnisse der Biologie zu digitalisieren, vor 15 Jahren erste cloudbasierte Lösungen angeboten und heute verfügen wir über eine Wissensbasis, die, wie wir schätzen, zwei Drittel des Marktes aller genomischen Interpretationen abdeckt. Da wir einer der ersten der Branche in der Digitalisierung der Genomanalyse und -interpretation gewesen sind und diesen Vorteil konsequent weiter ausgebaut haben, besitzen wir heute einen Marktanteil von mehr als 60 Prozent in der sogenannten Bioinformatik.

positionen: Macht diese digitale Reife gepaart mit tiefem biologischem Wissen QIAGEN interessant für potente Technologiepartner?

Peer M. Schatz: Ja, zumal wir Schnittstellen anbieten können, über die die Kunden unserer Partner unser Wissen und unsere Lösungen relativ einfach nutzen können. Hierzu gehören die IT-Lösungen der Krankenhäuser oder anderer Medizintechnikanbieter. Dazu kommt, dass sich die Biologie als Plattformtechnologie stark ausbreitet, massiv Daten produziert und in immer neue Bereiche vorstößt. Früher hätte ein Arzt bei einem Patienten mit einem Blutbild ein Datenvolumen von ungefähr drei Kilobyte produziert. Heute wird etwa bei einem Krebspatienten eine Genomanalyse gemacht, die standardmäßig mindestens 100 Megabyte, manchmal Terabytes an Daten umfasst. Diese Daten diagnostisch zu verarbeiten und mit den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft abzugleichen, ermöglicht nur eine cloudbasierte Anwendung.

positionen: Personalisierte Medizin funktioniert also nur über die Cloud?

Peer M. Schatz: Ja, dadurch sind ganz neue Spieler mit ins Boot gekommen, die man vor zehn Jahren dort nicht vermutet hätte. Genauso hätten wir damals nicht gedacht, dass wir einmal Partnerschaften mit Intel, IBM oder Cloud-Unternehmen eingehen würden. Die Bioinformatik hat sich für uns zu einem Wettbewerbsvorteil entwickelt, da wir hier die Welt des Labors mit der Welt der Datenverarbeitung verbinden.

positionen: Bereits vor einigen Jahren ist Ihr Unternehmen dazu übergegangen, die Bioinformatik personell aufzurüsten. Inzwischen erfolgt jede zweite Neueinstellung in diesem Bereich. Wie finden und halten Sie diese Talente?

Peer M. Schatz: Bioinformatiker sind in der Tat Talente, die nur sehr schwer zu finden sind und deren Ausbildung noch nicht mit nennenswerten Absolventenzahlen etabliert ist. Wir haben das Glück, potenziellen Kandidaten eine sehr schöne Kombination anbieten zu können: Wir sitzen im Silicon Valley mit einem großen Hub und bieten gleichzeitig in der ganzen Welt interessante Standorte und Projekte, bei denen eine hohe Dynamik entsteht.

positionen: Gestatten Sie uns zum Schluss noch die Frage, warum Sie in einer derart wandlungsfreudigen Branche nach 24 Jahren immer noch bei QIAGEN sind?

Peer M. Schatz: Ganz einfach: weil ich das Gefühl habe, in all den Jahren nicht nur bei einem Unternehmen mitgearbeitet zu haben, sondern bei vier oder fünf verschiedenen. Und weil ich genau weiß, dass wir uns auch in Zukunft erfolgreich neuen, spannenden Themen widmen werden.

positionen: Herr Schatz, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Peer Michael Schatz
Er ist die Globalisierung in Person: Als Sohn eines Österreichers und einer Dänin, der in New York geboren und primär in der Schweiz aufgewachsen ist, besitzt Peer Michael Schatz mehrere Pässe. Während seines BWL-Studiums in St. Gallen setzte er sich auch in Vorlesungen der Molekularbiologie. Seine Begeisterung, Molekularbiologie unternehmerisch umzusetzen, treibt den 51-Jährigen noch heute an. Bevor er 1993 zu der damals noch kleinen deutschen Biotechfirma kam, hatte er bereits erste Erfahrungen mit Start-ups im IT-Bereich gesammelt. Seit 2004 ist Schatz Chief Executive Officer von QIAGEN. Das Unternehmen gehört heute zu den führenden Unternehmen in der molekularen Diagnostik und den Life Sciences und ist neben den etablierten Märkten auch in allen wichtigen Schwellenländermärkten präsent.

QIAGEN
Auf den ersten Blick wirkt QIAGEN heimatlos: ein Unternehmen nach niederländischem Recht, das seinen operativen Sitz in Hilden nahe Düsseldorf hat und an der US-amerikanischen Technologiebörse NASDAQ sowie im TecDAX der Deutschen Börse notiert ist. Die Mitarbeiter sitzen in der ganzen Welt verstreut, die multinationale Führungsmannschaft bringt Persönlichkeiten mit unterschiedlichsten Werdegängen zusammen. Kaum ein Jahr vergeht, in dem der Pionier im einstigen Vorzeigesegment Neuer Markt nicht ein Unternehmen übernimmt und integriert. Molekulare Diagnosetechniken machen rund die Hälfte des Umsatzes von rund 1,4 Milliarden US-Dollar aus, die andere Hälfte entfällt auf Kunden aus der akademischen Forschung und der Pharmabranche sowie auf automatisierte Lösungen für Proben und Tests. QIAGEN beschäftigt weltweit mehr als 4.600 Mitarbeiter an über 35 Standorten.

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