Ihren Umsatz machen sie auf vielen Kontinenten, doch in ihren Chefetagen sitzen überwiegend Deutsche: Die größten deutschen Unternehmen geben ein wenig diverses Bild ab. Warum ist das so?

Rachel Empey ist ein Musterbeispiel für gelebte Internationalität und Diversity sowie starken Veränderungswillen. Die heute 41-jährige Britin kann einen eindrucksvollen Lebenslauf mit Positionen beim Wirtschaftsprüfer Ernst & Young (heute EY), beim Netzausrüster Lucent und beim Mobilfunkgiganten Telefónica vorweisen. Als studierte Mathematikerin spezialisierte sie sich schnell auf hochkarätige Finanzjobs. Seit August dieses Jahr amtiert Empey als Vorstand für Finanzen beim Dax-Konzern Fresenius.

Aber wie sieht es in anderen Chefetagen in Deutschland aus? Sind die Dax-Konzerne ein Abziehbild der bundesdeutschen Gesellschaft? Die Antwort lautet sehr deutlich: nein. Allerdings besetzen die größten deutschen börsennotierten Konzerne der Republik ihre Vorstände mehr und mehr nach Diversity-Gesichtspunkten um. Die Zahl weiblicher Vorstände hat 2017 – endlich – deutlich zugenommen, und auch der Ausländeranteil ist leicht gestiegen. Unter den in den vergangenen zwölf Monaten berufenen Vorstandsmitgliedern kommen sogar fast 40 Prozent aus dem Ausland. Die Britin Empey ist dabei das wohl prominenteste Beispiel.

Und trotzdem hinken die Konzerne ihren eigenen Ansprüchen deutlich hinterher. Insbesondere der Anteil an Nichtdeutschen in den Vorständen ist, gemessen an der internationalen Ausrichtung der Unternehmen und auch im Vergleich etwa mit dem Pendant in Großbritannien, dem FTSE 50, niedrig. Trotz eines leichten Aufwärtstrends verharrt der Anteil der ausländischen Vorstände in den Dax- Unternehmen seit 2009 unter 30 Prozent. Die Mehrheit der Vorstandsmitglieder nichtdeutscher Herkunft kommt aus dem englischsprachigen Ausland wie den USA und Großbritannien, aber auch aus europäischen Ländern wie Frankreich, Spanien oder Schweden.

Woran liegt es, dass es immer noch so wenige Ausländer in den deutschen Vorständen gibt? Einer der wichtigsten Gründe ist die Sprache. Obwohl in vielen Unternehmen Englisch die Umgangssprache ist, brauchen nichtdeutsche Vorstandsmitglieder zwingend gute Deutschkenntnisse, um mit ihren Kollegen im mittleren Management eine gute Verbindung aufbauen zu können. Fresenius-Vorstand Rachel Empey hat auch hier einen Vorteil: Anders als so manch anderer ausländischer Vorstand eines Dax-Unternehmens hat sie Deutsch gelernt. Diese Sprachkenntnis brauchte sie auch bereits als Finanzverantwortliche der deutschen Tochtergesellschaft von Telefónica, für die sie zahlreiche Milliardendeals einfädelte.

Rekrutierung aus dem Umfeld

Außer der Sprachbarriere spielen auch noch die Rekrutierungsgewohnheiten der Konzerne eine wichtige Rolle. Viele Vorstandsjobs der Dax-Unternehmen werden nicht über Personalberater, sondern aus dem Netzwerk der Aufsichtsratsvorsitzenden besetzt. Die überwiegend deutschen Chefaufseher bedienen sich dabei traditionell in ihrem nationalen Umfeld. Auch der Standort ist für ausländische Kandidaten oft eine Herausforderung. Unternehmen, die nicht in München oder Frankfurt ihren Sitz haben, sondern etwa in Bonn oder in Herzogenaurach, sind für die Ansiedlung der Familie des Kandidaten häufig sehr gewöhnungsbedürftig.

Unternehmen, die Diversity nicht leben, passen kaum noch in diese Zeit – und verlieren auch an Bedeutung bei den Bewerbern. Dagegen gewinnen Multikulti-Unternehmen an wertvoller Erfahrung durch einen kulturell differenzierten Blick auf die Dinge. Je diverser – kulturell und geografisch gesehen – ein Vorstandsgremium ist, desto kreativer werden die Diskussionen und Entscheidungen sein, desto besser wird das Verständnis für die globalen Märkte sein, auf denen sich fast alle Dax- Konzerne bewegen.

Wenn diese Unternehmen ihren Mitarbeitern unabhängig von deren Herkunft ermöglichen, bis nach ganz oben zu kommen, haben sie alles richtig gemacht. Und setzen damit ein wichtiges Signal in Zeiten sinkender Bindung der Mitarbeiter an das Unternehmen.

Link zum Handelsblatt Expertenrat 

Klaus Hansen ist Managing Partner der Personalberatung Odgers Berndtson und leitet die Practices "Board & Chair" sowie „CEO“ in Deutschland. Für das Handelsblatt schreibt er über aktuelle Themen rund um Topmanager, Führung und Karriere.

Klaus Hansen

Klaus Hansen has been with Odgers Berndtson since 1995. He heads the "Board & Chair" and "CEO" practices in Germany. Klaus primarily focuses on the search for and assessment of executive and non-ex...

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