Fleiß reicht nicht, um an die Firmenspitze zu kommen. Wer Chef sein will,braucht interkulturelles Know-how und kann Englisch sprechen – und zwar gut.

Der Lebenslauf scheint tadellos zu sein. Ein Universitätsabschluss mit Bestnote, die Karriereschritte wirken zielgerichtet und nicht übertrieben, ein paar Auslandsstationen und erfolgreich abgeschlossene Digitalisierungsprojekte runden das Bild eines erfahrenden Managers ab. Ganz unten im Curriculum Vitae sind die Sprachkenntnisse aufgeführt, Englisch wird mit „verhandlungssicher“ beschrieben. So weit, so fast erwartbar.

Der Mitvierziger erhält die Einladung zum Vorstellungsgespräch. Der Aspirant für den Chefposten eines großen, global agierenden, Mittelständlers sprüht vor Begeisterung für den möglichen neuen Arbeitgeber, überzeugt mit fachlicher Expertise, seine Umgangsformen sind einwandfrei. Aber dann dieses Englisch! Mediokrer ist dabei fast noch übertrieben. Ständig verhaspelt sich der Bewerber, die Nuancen in der weltweit wichtigsten Sprache kann er damit nicht mitbekommen, schon gar nicht Verhandlungen führen.

So jemand strebt einen Chefposten an? Der Bewerber muss nachsitzen. Möchte er sich seriöserweise noch einmal auf eine derartige Position bewerben, sollte er tunlichst Englisch pauken, während der Arbeit, nach der Arbeit, auch ein Urlaub darf gerne im Klassenzimmer einer professionellen Sprachschule stattfinden statt unter der Sonne.

Bei all dem Fremdsprachendesaster soll eins nicht vergessen werden: Fast alle Mosaiksteine für eine Chefkarriere sind bei diesem Bewerber vorhanden. Er hat die wichtigste Regel für die beruflichen Aufstiege in Deutschland (und weltweit) beherzigt: Wer sicherstellen will, dass er später einmal weiß, wovon er spricht, muss bereits so früh wie möglich anfangen, darin Erfahrung zu sammeln. Die Bausteine des Erfolgs sind: ein exzellentes Verständnis zu erwerben, was Digitalisierung für das Unternehmen und die Branche bedeutet, zudem die internationale Dimension des Geschäfts zu verstehen – und sich stilsicher auf jedem Parkett zu bewegen.

Bei der Digitalisierung geht es nicht darum, ein „Nerd“ zu werden, die Revolution im Unternehmen anzustreben oder dauernd alles infrage zu stellen - sondern sich mit den Geschäftschancen und -risken durch digitale Prozesse vertraut zu machen und sie zu verinnerlichen.

Das Gleiche gilt für die internationale Perspektive des Geschäfts. Wer andere Kulturen nicht versteht, gar das eine oder andere Mal ins Fettnäpfchen tritt, wird langfristig keinen Erfolg haben. Wohl dem dagegen, der sich schon in jungen Jahren bewusst für eine Station in einer Auslandsniederlassung seines Arbeitgebers bewirbt und so Interesse für fremdländische Kulturen signalisiert. Im Laufe der Karriere darf gerne mindestens noch ein weiterer Auslandsaufenthalt von mindestens einem Jahr Dauer hinzukommen. Da für die meisten Branchen die Wachstumschancen in Fernost am größten sind, liegt ein Auslandsaufenthalt in Metropolen wie Singapur, Shanghai oder Hongkong nahe.

Was die für den Aufstieg ebenfalls notwendigen Umgangsformen angeht, gilt bekanntlich: Nicht jedermann sind diese per elterlicher Erziehung mitgegeben. Wer also zu dieser Gruppe gehört, sollte rasch daran arbeiten, dieses Manko zu egalisieren. Merke: Die Chefrolle bringt automatisch auch vermehrt repräsentative Aufgaben mit sich. In der Folge bedeutet dies, Tischmanieren sicher zu beherrschen, etwa zu wissen, welche Gabel man als Erste bei einem Menu verwendet, welcher von zwei Brottellern zur jeweiligen Person gehört und was ein Rotweinglas von einem Weißweinglas unterscheidet.

Wer schlussendlich bei der Wahl seiner Kleidung auf allzu individuelle Ausdrucksformen verzichtet, verhilft sich zu besseren Chancen bei der Chefnachfolge. Ein sehr eigener Geschmack kann einsam machen und das verträgt sich nicht mit der Rolle eines Chefs. Dass relevante Einflussgrößten für den Aufstieg auch Fleiß, Intelligenz, Ehrgeiz und Glück sind, scheint fast zu trivial, um sie zu nennen.

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Klaus Hansen

Klaus Hansen has been with Odgers Berndtson since 1995. He heads the "Board & Chair" and "CEO" practices in Germany. Klaus primarily focuses on the search for and assessment of executive and non-ex...

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