Jogi Löw hat aus vielen Individualisten eine Mannschaft geformt und sie zum Weltmeistertitel geführt. Manager können vieles vom Bundestrainer lernen.

Endlich ist wieder Fußball-WM! Gefühlt 80 Millionen Bundestrainer sind in den Startlöchern, um die Entscheidungen von Jogi Löw zu bewerten. Bei eventuell ausbleibendem Erfolg wird dann schnell die Kompetenz des WM-Erfolgstrainers von 2014 in Abrede gestellt, getreu dem Motto „Ich hatte es ja schon vorher gewusst“. Sollte Löws Team Erfolg haben, ja sogar das Finale erreichen, dann waren es nach Meinung der Hobbytrainer vor allem die Spieler, die den Unterschied ausgemacht haben.

Dieses für manchen unfair anmutendes Verhalten ist in der Welt der Top-Entscheidungsträger gelebte Praxis: Der Erfolg hat stets viele Mütter/Väter, das Scheitern nur eine(n).

Dabei könnten die Manager, ob hierzulande oder in anderen Ländern, viel vom Bundestrainer lernen – nicht zuletzt, wenn die Mannschaft mal ein Spiel verliert. Schon als Co-Trainer der Nationalmannschaft verströmte Löw ein großes Maß an Gelassenheit. „Ich bin, wie ich bin, auch wenn ich dann nicht der bin, den Sie vielleicht gern hätten“, heißt einer der Sätze, die von Löw überliefert sind. Bis heute lässt er sich nicht verrückt machen von den Erwartungen der anderen. Niederlagen sind in diesem Kontext zugleich ein Ansporn, noch besser zu werden.

Es sind aber noch weitaus mehr Stärken, die Löws bisherige Erfolgsbilanz begründen. Eine seiner Maximen ist zum Beispiel, dass strategische Entscheidungen niemals Tagesereignissen geopfert werden dürfen. Wer einen Plan hat, von dem er überzeugt ist, muss diesen umsetzen – auch gegen Widerstände. Wer nun glaubt, dass grenze an Beratungsresistenz oder Engstirnigkeit, der irrt. Die erfolgreichsten Trainer hängen also ihre Fahne nicht in den Wind, sondern folgen einer grundsätzlichen Spielphilosophie, die sie in Nuancen modifizieren, aber niemals von Spiel zu Spiel permanent verändern. Im Gegensatz zu vielen Führungskräften.

Viele Topmanager verfallen immer wieder der Versuchung, ihre einmal getroffenen Entscheidungen schnell zu hinterfragen. Nicht nur, dass ein solches Verhalten lähmt, es hinterlässt auch den Eindruck mangelnder Führungsstärke und öffnet gefährlichen Zentrifugalkräften Tür und Tor.

Zum Zweiten sollten Führungskräfte von Löw lernen, dass die Mannschaft immer Vorrang vor den einzelnen Spielern hat. Die WM 2014 hat eindrucksvoll gezeigt, dass nicht das Team mit den besten Stars gewonnen hat, sondern das Team mit den am besten harmonierenden Individuen, ohne deren spielerische Klasse per se in Abrede stellen zu wollen. Eine Mannschaft eben, und nicht nur ein Team.

Jeder Einzelne muss also in der Lage sein, hinter dem Team zurückzutreten. Wer das nicht kann, muss zu Hause bleiben – völlig unabhängig davon, welch individuelle Klasse er ausstrahlt. Die Akzeptanz der zugedachten Rolle ist eine grundsätzliche Voraussetzung für den Erfolg einer Mannschaft.

Was das Ignorieren dieser Regeln anrichten kann, ist in der Unternehmenswelt regelmäßig zu besichtigten. Im Angelsächsischen „toxic employee“ genannt, sind diese Querulanten geeignet, ganze Business Units zu zerstören. Auch hier möge man nicht den Querulanten mit einem Querdenker verwechseln. Letzterer ist wichtig, um nicht immer nur im eigenen Saft zu braten. Ersterer vergiftet durch ständiges Schlechtreden, quer im Stall stehen und ansteckende Demotivation die Atmosphäre. Und diese Kollegen entfernt man lieber früher als später, koste es was es wolle. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Fehlt als Garant für den Erfolg noch die Motivationsstärke des Trainers. Löw weiß genau, mit welchen Worten er große Gefühle erzeugen kann. Wie etwa sein Satz vor dem WM-Finale 2014 beweist: „Ihr müsst heute so viel geben wie noch nie, dann werdet ihr das erreichen, was ihr noch nie hattet, nämlich diesen Pokal mit nach Hause zu nehmen.“ Eine Selbstverständlichkeit? Mitnichten. Viele Manager sind keine guten Motivatoren, schließlich gehört dazu mehr, als nur Sätze formulieren zu können.

Falls Deutschland den Weltmeister-Titel verteidigen sollte, dürfte Löw nach einer ersten ausgelassenen Feier wieder schnell Demut zeigen. Denn der wirklich souveräne Führer genießt den Erfolg mit einem Lächeln und weiß, dass er damit Motivation, Stolz und Selbstbewusstsein der Mannschaft auf das nächste Level gehoben und damit die Voraussetzung für den nächsten Schritt in der Unternehmensentwicklung geschaffen hat. Nicht zuletzt teilt er diesen Erfolg mit allen: Dann sind wir alle Löw.

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Klaus Hansen

Klaus Hansen has been with Odgers Berndtson since 1995. He heads the "Board & Chair" and "CEO" practices in Germany. Klaus primarily focuses on the search for and assessment of executive and non-ex...

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