In Führungsetagen fehlt insbesondere eine Gruppe: Menschen mit einer Behinderung. Dabei haben gerade sie die passende Mentalität...

Ein Urlaub in Südafrika veränderte sein Leben grundlegend. Es war im November 2002, als Joachim Schoss zusammen mit einem Freund per Motorrad durch Afrikas südlichstes Land fuhr – und verunglückte. Schoss verlor einen Arm und ein Bein. Bis zu diesem Zeitpunkt machte sich Schoss vor allem einen Namen als pfiffiger Gründer des Internetmarktplatzes Scout 24. Der heute 55-jährige war damals einer der Pioniere in der Onlinevermarktung von Gütern und Dienstleistungen.

Schoss resignierte keineswegs nach dem Unfall. Er engagierte sich als Unternehmer etwa im Startup-Bereich. Und er setzte sich seitdem für die internationale Vernetzung von Behinderten und investierte einen Teil seines Vermögens in die Internetplattform Myhandicap.

Schoss zählt zu den 10,2 Millionen Menschen in Deutschland mit einer amtlich anerkannten Behinderung. Trotz dieser hohen Zahl finden sich auf den Führungsetagen deutscher Unternehmen kaum Menschen mit Handicaps. Sicher: Nicht jedes Handicap, wie etwa eine Diabetes, ist mit bloßem Auge erkennbar. Trotzdem lässt sich eindeutig feststellen: Unter Deutschlands Managerriege sind größtenteils unversehrte Menschen.

Trauen sich Menschen mit einer Einschränkung Führungsjobs nicht zu? Oder ist es vielmehr eine Frage der Unternehmenskultur, die nicht durchlässig ist für behinderte Menschen? Ein Fingerzeig für die Richtigkeit der zweiten These gibt die Erfüllung der sogenannten Schwerbehindertenquote. Bekanntlich muss jede Firma mit mehr als 20 Beschäftigten mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit Menschen mit Behinderung besetzen. Nach aktuellen Zahlen aus 2015 beträgt die Quote unter privaten Arbeitgebern 4,1 Prozent. Über 93.000 Unternehmen, die die Quote gar nicht oder nicht ausreichend erfüllten, mussten die sogenannte Ausgleichsabgabe zahlen.

Dieser klägliche Befund steht dem Diversity-Gedanken diametral entgegen. Es ist mittlerweile keine Modeerscheinung mehr, dass Unternehmen ihre Belegschaft möglichst heterogen zusammensetzen wollen. Viele Firmen arbeiten an einem hohen Anteil von Frauen in Führungspositionen, mischen ihre Leitungsfunktionen mit vielen Nationalitäten, stellen Menschen jenseits der 60 ein – um nur einige Bestandteile der Diversity-Kultur zu nennen. Um dieses Ziel zu erreichen und sich damit auf dem Rekrutierungsmarkt schmücken zu können, werden Teilzeit- und Home Office-Plätze ausgebaut, Sabbaticals erlaubt und Altersgrenzen ad acta gelegt.

Nur die Menschen mit Handicap lassen viele Unternehmen links liegen. Dabei zeigen viele Beispiele, wie erfolgreich Behinderte im Job sind. Wolfgang Schäuble trug in seiner Zeit als Bundesfinanzminister mit dazu bei, dass die Griechenlandkrise und damit auch die Eurokrise gemeistert wurden. Schäuble ist bekanntlich seit 28 Jahren auf einen Rollstuhl angewiesen. Oder die Paralympics-Sportler: Trotz teilweise gravierender Behinderungen vollbringen die Sportler immer wieder Höchstleistungen.

Deutschlands Unternehmen sollten sich daran ein Beispiel nehmen. Wohl wissend: Gute Führung ist eine Frage der Einstellung, der Überzeugungskraft und der Willensstärke. Gerade letztere Charaktereigenschaft ist bei Menschen mit Behinderung besonders ausgeprägt, um den Tagesablauf möglichst selbstbestimmt meistern zu können. Es tut den Führungsqualitäten also keinen Abbruch, wenn jemand körperlich versehrt ist. Ganz im Gegenteil.

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http://www.handelsblatt.com/my/meinung/kolumnen/expertenrat/hansen/expertenrat-klaus-hansen-warum-wir-mehr-manager-mit-handicap-brauchen/21043870.html

Klaus Hansen

Klaus Hansen has been with Odgers Berndtson since 1995. He heads the "Board & Chair" and "CEO" practices in Germany. Klaus primarily focuses on the search for and assessment of executive and non-ex...

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