Schon in der Schule haben laute Selbstdarsteller oft mehr Erfolg als schüchterne Schlaue. Das wirkt sich auf die Berufswahl aus. Es ist Zeit, das zu ändern!

Sie wollen erfahren, wie es ist, Chef zu sein. Rund 150 Schülerinnen und Schüler sitzen an diesem Tag im vergangenen September zusammen, sie haben es in die Endrunde des jährlichen, bundesweit durchgeführten, dreistufigen Wettbewerbs „Chef für 1 Tag“ geschafft.

Die Zusammensetzung der Gruppe ähnelt sehr der aus den vergangenen Wettbewerben: Ein paar Jugendliche aus elitären Instituten sitzen neben einer Schar von Schülern aus Klassen, die oftmals einen Migrationshintergrund von fast 100 Prozent besitzen. Die Privatschüler aus gutsituierten Familien sind oft von Geburt an „Sohn“ oder „Tochter“, sie werden später eine vorzügliche Berufsbildung genießen können – um dann später in Vaters Fußstapfen zu treten.

Hat diese Gruppe gelernt, mit eisernem Willen, Ausdauer und Geduld selbst gesteckte Ziele zu erreichen – und dafür auch die Extrameile zu gehen? Oftmals nicht. Dabei sind es gerade diese Eigenschaften, die heute unabdingbar dazu gehören auf dem Weg zur Top-Führungskraft.

Viele Schüler dagegen aus der Gruppe mit einem hohen Migrationsanteil bringen diese Eigenschaften interessanterweise mit. So mancher ist vor einigen Jahren aus den Weiten Russlands, dem kriegsgeschüttelten Syrien oder dem Dauerkrisenherd Afghanistan nach Deutschland gekommen und hat sich in einem deutschen Gymnasium behauptet. Sie sind keine Karrieristen mit Eitelkeit, sondern echte „Macher“. Ihnen ist es egal, ob eine Karriere durch Geburt oder soziale Herkunft vorbestimmt ist oder nicht.

Es ist beeindruckend, wenn Schüler und in der Mehrzahl vor allem Schülerinnen aus dieser Gruppe den Wettbewerb dominieren. Sie brillieren in den Case Studies durch strategisches Denken, Durchsetzungsvermögen und Führungsgeschick. Diese „Mauerblümchen“, die sich allzu oft in die zweite Reihe stellen, stechen die „Lautsprecher“ im Team deutlich aus, wenn es bspw. um Entscheidungsfreude und den „Sense of Urgency“ geht. Man muss sich dabei vor Augen führen: Viele der erfolgreichsten Teilnehmer dieses Wettbewerbs sprachen vor einigen Jahren noch kein Wort Deutsch.

Doch nur ein kleiner Teil, wahrscheinlich weit weniger als 10 Prozent, der talentierten Schüler wird später mal an der Spitze einer Firma stehen. Der profane Grund für diese bittere Erkenntnis: Durch das familiäre Umfeld und die Schule ist ihnen anerzogen worden, dass ein vernünftiger Gymnasialabschluss doch schon mehr ist, als man erwarten durfte. Sie hätten damit schon mehr erreicht als die meisten in ihrer Familie.

Wenig überraschend also, was diese Schüler, die am Ende des zweitägigen „Bootcamps“ als Gewinner auf der Bühne stehen, im kleinen Kreis später sagen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das kann“ oder „Das ist mir jetzt irgendwie peinlich, da sind doch viel Bessere in meiner Klasse!“ - um nur zwei von mehreren ähnlichen Formulierungen zu nennen. Der Stolz über das Erreichte versinkt fast in der Angst, aufzufallen und visibel zu sein. Nur: Wer so denkt und handelt, hat schon verloren.

So erlernen viel zu viele dieser talentierten Schüler einen „einfachen“ Beruf, üben diesen lebenslang aus – und das war´s. Nichts gegen Lebensläufe ohne große Karrieren. Aber wie viel hilfreicher wäre es, wenn diese Potenzialträger ihren Weg "ganz nach oben“ machen würden, egal ob in Großkonzernen oder in Start-Ups, um damit viele hunderte, durch die Digitalisierung bedrohte, „einfache“ Jobs zu schaffen und zu erhalten?

So lange wir aber nicht lernen, die „yes-we-can“-Maxime in allen Lebenslagen wiederzuerlangen, werden wir weiter Jahr für Jahr unglaublich viele Potenzialträger verlieren. Den Anfang dazu muss jeder selbst machen: Also, Ihr unternehmerischen, klugen Mauerblümchen da draußen, traut Euch endlich!

Inhaber des Handelsblatt Digitalpasses können die Kolumne auch hier lesen:
http://www.handelsblatt.com/my/meinung/kolumnen/expertenrat/hansen/expertenrat-klaus-hansen-rettet-die-potenzialtraeger-mauerbluemchen-an-die-macht/21187802.html

Klaus Hansen

Klaus Hansen has been with Odgers Berndtson since 1995. He heads the "Board & Chair" and "CEO" practices in Germany. Klaus primarily focuses on the search for and assessment of executive and non-ex...

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