Aktueller DAX-Vorstands-Report von Odgers Berndtson: Biographien der Vorstandsmitglieder gleichen sich zunehmend an

Vorstandsgremien wandeln sich nur langsam / Weniger Ingenieure, mehr Frauen / Kaum Zeit mehr für parallele Aufsichtsratsmandate

Die Werdegänge der Vorstandsmitglieder von im Deutschen Aktienindex (DAX) notierten Unternehmen folgen zunehmend einem ähnlichen Muster: Wirtschaftswissenschaftler dominieren, Branchenwechsler gibt es kaum, unternehmensinterne Kandidaten -­ so genannte "Eigengewächse" -­ sind die Regel. Wesentliche Veränderungen sind dagegen beim Anteil der weiblichen Vorstandsmitglieder zu verzeichnen, der inzwischen bei 11 Prozent liegt, sowie bei der Anzahl der parallel ausgeübten Aufsichtsratsposten, die in den letzten Jahren von 5 auf 2 zurückgegangen ist. Dies ist das Ergebnis des aktuellen DAX-­Vorstands-­Reports, mit dem die Personalberatung Odgers Berndtson bereits zum 5. Mal die Profile sämtlicher Vorstandsmitglieder im DAX untersucht hat.

Der typische DAX-­Vorstand hat Wirtschaftswissenschaften studiert, war einige Jahre im Ausland, hat stetig innerhalb seiner Branche Karriere gemacht und dabei selten das Unternehmen gewechselt. Denn bevor er im Alter von 48 Jahren in den Vorstand berufen wurde, hat er bereits 11 Jahre in demselben Unternehmen gearbeitet. Heute ist er 53 Jahre alt und verdient im Schnitt 3,4 Millionen Euro pro Jahr. "Trotz vielfältiger Krisen und technologischer Herausforderungen sind die Entscheidungskriterien bei der Besetzung der wichtigsten deutschen Vorstandsposten in den letzten zehn Jahren weitgehend unverändert", sagt Klaus Hansen, Geschäftsführer von Odgers Berndtson Deutschland und Leiter des Reports. "Hinsichtlich der akademischen Ausbildung und der Branchen- bzw. Unternehmenserfahrung der Vorstände haben sich die Werdegänge sogar eher angeglichen", kommentiert Hansen weiter.

Mehr Wirtschaftswissenschaftler, weniger Promovierte

Ihre Studienabschlüsse haben die Vorstandsmitglieder vor allem in den Fächern Wirtschaftswissenschaften, Ingenieurwesen, Jura sowie Naturwissenschaften erworben. Während Ingenieurwesen sowie Jura in den letzten Jahren deutliche Rückgänge verzeichnen, sind die Wirtschaftswissenschaftler auf dem Vormarsch. Die Hälfte der Vorstandsmitglieder besitzt hier inzwischen einen Abschluss. Die Promotion hat währenddessen stark an Bedeutung verloren. Hatten 2005 noch mehr als die Hälfte der DAX‐Vorstände einen Doktortitel, waren es 2016 nur noch 36 Prozent. Grund hierfür ist vor allem die abnehmende Bedeutung und geringere gesellschaftliche Anerkennung der Promotion im Bereich der Wirtschafts-­‐ und Rechtswissenschaften. An ihre Stelle sind größtenteils andere, praxisnähere Zusatzausbildungen, wie beispielsweise der MBA, getreten.

Die meisten Vorstandsmitglieder kommen von innen

Der Anteil der Vorstände, die vor ihrer Berufung bereits mehr als die Hälfte ihrer Karriere im Unternehmen verbracht hat – so genannte „Eigengewächse“ – ist im Jahr 2016 auf über 58 Prozent gestiegen. Bei den DAX-Chefs liegt diese Quote sogar noch höher: 70 Prozent der CEOs werden aus internen Positionen rekrutiert. Auch die Branchenzugehörigkeit der amtierenden Vorstände hat noch weiter an Bedeutung gewonnen. Der Anteil der Vorstandsmitglieder, die ihre Karriere zum größten Teil innerhalb derselben Branche verbracht haben, liegt inzwischen bei über 80 Prozent, bei CEOs sind es mehr als 90 Prozent. "Bei der Besetzung ihrer obersten Führungspositionen greifen die Unternehmen vor allem auf interne Kandidaten zurück", erläutert Klaus Hansen und ergänzt: "Quereinsteiger wie jüngst Kasper Rorsted, der von Henkel zu adidas gewechselt ist, sind die Ausnahme."

Mehr Frauen in operativen Vorstandsressorts

Die Studie zeigt jedoch auch, dass sich die Vorstandsgremien langsam wandeln. So ist etwa der Frauenanteil von gut einem Prozent im Jahr 2005 auf derzeit rund 11 Prozent gestiegen. Aktuell sind 20 der 197 Vorstandsmitglieder in DAX-­Unternehmen weiblich. Die Mehrheit der Frauen ist für Zentralbereiche wie Personal, Compliance & Recht verantwortlich. Immerhin neun Frauen haben inzwischen aber auch operative Vorstandsfunktionen inne und führen Geschäftsfelder oder Regionen. Eine Quotenregelung wie sie für Aufsichtsratsgremien gilt, gibt es für Vorstandsgremien bisher zwar nicht, dennoch ist davon auszugehen, dass der Frauenanteil in DAX‐Unternehmen, von denen noch immer 13 keine Frau im Vorstand haben, weiter steigen wird. Dies bestätigt ein Blick auf die betrieblichen Zielgrößen, die sich die Unternehmen seit Oktober letzten Jahres für den Frauenanteil in ihren Vorstandsgremien und auf den oberen Führungsebenen setzen müssen: 16 der 30 DAX-­Unternehmen haben ihre zum Teil anspruchsvollen Ziele für die erste und zweite Führungsebene bereits erreicht, acht davon haben diese sogar übererfüllt.

Weniger Zeit für parallele Aufsichtsratsposten

Auch die Unternehmenskontrolle hat sich deutlich gewandelt. Die gestiegenen Anforderungen an die Unternehmensführung sowie der deutlich verschärfte Verhaltenskodex für Aufsichtsräte haben dazu geführt, dass DAX-­Vorstände heute nur noch sehr wenige Aufsichtsmandate zusätzlich innehaben. Die Zahl der Aufsichtsratsposten, die ein Vorstandsmitglied parallel zu seinen Vorstandsaufgaben ausübt, ist in den letzten zehn Jahren von durchschnittlich 5 auf 2 gesunken. "Dies bedeutet zwar mehr Zeit für die Belange, für die man eigentlich bezahlt wird, aber auch einen signifikanten Verlust an Netzwerken, die manchem Vorstand in der Vergangenheit auch für die eigene Karriere sehr hilfreich waren", urteilt Geschäftsführer Hansen.

______________________________

Zur Methodik des DAX-­Vorstands-­Report:
Analysiert wurden die Lebensläufe aller Vorstandsmitglieder im DAX der Jahre 2005, 2009 sowie 2013 bis 2016 jeweils zur Jahresmitte. Seit 30.06.2015 wurden außerdem die Besonderheiten von Personalvorständen sowie die Vergütungen aller DAX-­Vorstände untersucht. Als Quellen dienten Daten von Odgers Berndtson, die Geschäfts-­ bzw. Vergütungsberichte der relevanten Betrachtungszeitpunkte sowie öffentlich zugängliche Informationen aus Internet und Online-­Archiven, im Einzelfall auch aus den Presseabteilungen der Unternehmen.

Insights

Insight

Warum gute Mütter und Väter die besseren Vorstände sind

Kolumne von Klaus Hansen für den Handelsblatt-Expertenrat 12. Juli 2018

Insight

Was eine gute Führungskraft vom einfachen Manager unterscheidet

Kolumne von Klaus Hansen für den Handelsblatt-Expertenrat 26. Juli 2018

Insight

In der Dieselaffäre stinkt der Fisch stinkt vom Kopf

Kolumne von Klaus Hansen für den Handelsblatt-Expertenrat 28. Juni 2018