Talanx-Chef Herbert Haas ist seit 33 Jahren im Geschäft. Er kennt noch die Zeiten, in denen er für den Vorstand die Profitabilität von Produkten mit Bleistift, Papier und Rechenmaschine kalkulieren musste. Von seiner Leidenschaft für seine Branche hat er in all den Jahren nichts verloren. Auch wenn er derzeit tiefgreifende Veränderungen in einem der führenden europäischen Versicherungskonzerne durchsetzen muss.

Mit Herbert Haas sprach Christiane Pietsch. Fotos von Frank Blümler

 

positionen: Herr Haas, Sie sind jetzt gut 33 Jahre in der Versicherungsbranche tätig. Was begeistert Sie an Ihrem Beruf?

Herbert Haas: Es ist immer wieder überraschend, wie stark sich das Bild, das die Versicherer in der Öffentlichkeit haben, von dem der Wirklichkeit unterscheidet. Versicherer gelten in der Öffentlichkeit als eher langweilig. Dabei hat mich von Anfang an die Vielseitigkeit dieser Branche begeistert. Wir bedienen neben den Privatkunden zahlreiche Gewerbe- und Industriekunden in den unterschiedlichsten Branchen weltweit - von der Haftpflichtversicherung für den Hund bis hin zu komplexen Versicherungen für Atomkraftwerke. Jeder Markt funktioniert nach seinen eigenen lokalen Regeln, auch wenn die Produkte zunächst vergleichbar zu sein scheinen. In unserem Konzern arbeiten derzeit Menschen aus 45 verschiedenen Nationen mit unterschiedlichster Ausbildung – neben den Versicherungskaufleuten beschäftigen wir Piloten, Schifffahrtskapitäne, Mathematiker, Betriebs- und Geisteswissenschaftler, Juristen, Maschinenbauer und Elektrotechniker. Genau wegen dieser Vielseitigkeit macht mir die Arbeit nach 33 Jahren immer noch große Freude.

positionen: In welchem Punkt hat sich die Branche in diesem Zeitraum am radikalsten gewandelt?

Herbert Haas: Sie spielen mit Ihrer Frage vermutlich auf die Regulierung der Versicherer an, die Mitte der 90er Jahre endete. Dadurch wurde die Branche in einen Prozess des Wandels gestoßen, der immer noch andauert. Am stärksten wandeln mussten und müssen sich die Versicherer, wenn es um Effizienz und um Kundenorientierung geht.

positionen: Auch Talanx befindet sich mitten in einem tiefgreifenden Umbauprozess. Bis Ende des Jahres will Ihr Konzern aus dem Geschäft mit der klassischen Lebensversicherung aussteigen und bis 2020 die Kosten um 240 Millionen Euro senken – auch durch Stellenabbau. Was sind dabei die größten Herausforderungen? 

Herbert Haas: Es gibt drei große Herausforderungen, die miteinander verbunden sind: Die derzeitigen Niedrigzinsen, die Kosteneffizienz und das veränderte Kundenverhalten. Beginnen wir mit der Niedrigzinsphase. Wir konnten in der Vergangenheit günstige Preise quotieren, da wir mit unseren Kapitalanlagen auskömmlich Geld verdient haben. Als die Bundesanleihe noch mit einem Zins von sieben Prozent rentierte, konnte ein Versicherer auch einmal einen versicherungstechnischen Verlust in Kauf nehmen. Das geht heute nicht mehr. Das, was wir in der Kapitalanlage nicht mehr verdienen, müssen wir jetzt durch Effizienzsteigerungen wettmachen.

positionen: Wie gelingt Ihnen das?

Herbert Haas: Indem wir die Vorteile der Digitalisierung und Automatisierung nutzen. Beides hilft uns nicht nur dabei, Kosten zu sparen, sondern auch eine andere Kundenbetreuung möglich zu machen. Nach der Automatisierung der Prozesse und Digitalisierung der Kundenschnittstellen wird es allerdings langfristig zu einem nicht unerheblichen Wegfall von Arbeitsplätzen kommen.

positionen: Wie vermitteln Sie Ihren Mitarbeitern diese Maßnahmen?

Herbert Haas: In den vergangenen zwölf Monaten haben wir auf vielen Mitarbeiterveranstaltungen das Thema Digitalisierung betont, die Dringlichkeit erklärt und die ökonomischen Vorteile erläutert, auch etwa durch sogenannte „Digi-Days“ für unsere Führungskräfte, um sie für die angestoßenen Veränderungen zu gewinnen. Dieser Dialog war nicht immer einfach. Doch gab es auch etliche Momente, in denen ich gespürt habe, wie sich Mitarbeiter für das begeistern, was dank Digitalisierung alles möglich wird.

positionen: Wie lange, denken Sie, wird es dauern, bis Ihre Mitarbeiter sich die Digitalisierung zu eigen machen?

Herbert Haas: Es wird keine fünf Jahre dauern, bis unsere Mitarbeiter in ihrem Arbeitsalltag digital denken und handeln.

positionen: Angesichts der ganzen Veränderungen, gestatten Sie uns die Frage: Ist es gut, dass die Versicherer mit dieser Phase jahrelanger Niedrigzinsen konfrontiert sind?

Herbert Haas: Für die Branche insgesamt, ja, ansonsten wäre dieser ganze Wandel nicht so gekommen. Wer hätte schon vor ein paar Jahren gedacht, dass die zehnjährige Bundesanleihe einmal mit 0,09 Prozent rentiert? Für unsere Kunden heißt die Niedrigzinsphase aber: Sie müssen länger oder mehr sparen, um für das Alter vorzusorgen.

positionen: Wie weit sind die deutschen Versicherer bei der Digitalisierung im Vergleich zum Ausland?

Herbert Haas: Das Ausland ist mit der Digitalisierung deutlich weiter fortgeschritten, wie wir durch den regelmäßigen Austausch mit unseren ausländischen Töchtern wissen. Im Gegensatz zu Deutschland läuft in Lateinamerika beispielsweise eine Autopolice nach einem Jahr automatisch aus. Zudem ist die Geldentwertung dort teilweise sehr hoch. Zeit ist Geld und Onlineprozesse sind schneller als der Postversand von Policen. Die Versicherer dort müssen also jedes Jahr aufs Neue um ihre Kunden kämpfen und daher ständig innovativ und wettbewerbsfähig sein. Das war in Deutschland viele Jahre aufgrund der Regulierung nicht notwendig. Deshalb profitieren wir von der internationalen Aufstellung: Wir versuchen, mit einem Best Practice Lab die besten Ideen aus allen Ländern auszutauschen.

positionen: Was genau verbirgt sich hinter Ihrem Best Practice Lab?

Herbert Haas: Vor drei Jahren haben wir vier Mitarbeiter damit betraut, den Austausch unserer Töchter im ausländischen Geschäft mit Privat- und Firmenkunden zu forcieren. Dabei binden sie von Fall zu Fall auch die deutschen Kollegen ein. Auch tauschen wir Personal unter den Ländern aus. Mitarbeiter aus Brasilien gehen etwa für eine bestimmte Zeit nach Polen. Natürlich muss das Team des Best Practice Lab dabei die Herausforderung annehmen, Vorbehalten – besonders von sehr erfahrenen Kollegen – gegenüber Neuerungen von außen zu begegnen. Doch je mehr die Mitarbeiter sehen und begreifen, was an den anderen Standorten passiert, desto offener werden sie für den Austausch.

positionen: Warum ist die Internationalisierung so wichtig für Talanx?

Herbert Haas: Ohne Internationalisierung können wir nicht wachsen, denn der deutsche Versicherungsmarkt ist weitestgehend gesättigt. Daher verteilen wir unsere versicherten Risiken über die ganze Welt. Das trägt zur Diversifizierung unseres Risikos und des Wachstums bei. Außerdem ist es für unsere Kunden wichtig, dass wir sie weltweit betreuen können. Derzeit sind wir in 130 Ländern präsent – direkt oder über unsere Partner. In den wichtigen Märkten für Privat- und Firmenkunden wie Türkei, Mexiko, Polen, Brasilien und Chile wollen wir zu den Top fünf der größten Anbieter von Schaden-Unfall-Versicherungen gehören. In der Türkei und Mexiko sind wir noch nicht am Ziel.

positionen: Spiegelt sich dieses Streben nach Internationalisierung auch in den Führungsgremien wider?

Herbert Haas: Auch wenn unser Geschäft sehr international ist – gerade in der Industrie- und der Rückversicherung - sind bei uns im Vorstand nicht viele Ausländer vertreten. Obwohl ich diese Vielfalt sehr begrüßen würde, weil Ausländer andere Ideen und eine andere Arbeitsweise mitbringen. Doch eine der ganz großen Hürden auf dem Weg in den Vorstand ist die deutsche Sprache. Nicht zuletzt ist das auch eine Eignungsvoraussetzung der Bafin. Übrigens rekrutieren wir die Führungskräfte im Ausland auch zu fast 100 Prozent vor Ort, weil wir lokales Know-How brauchen.

positionen: Seit dem 1. Januar 2016 gilt die gesetzliche Frauenquote von 30 Prozent für neu zu besetzende Aufsichtsratsposten in Großunternehmen. Abgesehen von der Arbeitnehmerseite hat die Talanx AG mit Antonia Aschendorf nur eine Frau im Aufsichtsrat. Wie wird sich das Thema bei Ihnen weiterentwickeln?

Herbert Haas: Im Mai 2018, wenn unser Aufsichtsrat das nächste Mal gewählt wird, sind wir gefordert, die Quote zu erfüllen und vier Frauen im Gremium zu haben. Weibliche Aufsichtsratsmitglieder zu finden ist nicht trivial, aber keine unlösbare Aufgabe. Das gilt auch in der operativen Führung. Ich selbst bin Mentor für zwei Mitarbeiterinnen. Unser Ziel ist, 25 Prozent der Führungspositionen ab Referatsleiter mit Frauen zu besetzen. Zurzeit stehen wir bei respektablen 22 Prozent. Aber klar: Je höher man kommt, desto geringer ist derzeit noch der Frauenanteil.

positionen: Sie bieten ein so genanntes Job-Rotations-Programm an. Eröffnet dies auch berufserfahrenen Kollegen die Möglichkeit einer Art zweiten Karriere innerhalb des Konzerns?

Herbert Haas: Prinzipiell bietet das Rotationsprogramm den Mitarbeitern vorübergehend ihre berufliche Perspektive innerhalb des Konzern zu verändern. Sei es für eine Hospitanz von sechs Monaten, eine echte Jobrotation im selben Land für drei Jahre oder eine Entsendung ins Ausland für fünf Jahre. Das Programm ist aber eher auf die Jüngeren ausgerichtet. Durch die oftmals hohen Anforderungen in einzelnen Fachgebieten ist es schwer, dass sich ältere, auf einem Gebiet sehr erfahrene Mitarbeiter noch einmal komplett umorientieren können.

positionen: Ist es für Talanx im Vergleich zu früher schwerer geworden, Schul- und Studienabgänger für eine Karriere bei einem Versicherer zu begeistern?

Herbert Haas: Wenn es uns gelingt, Berufsanfängern glaubwürdig zu vermitteln, wie vielfältig die Branche ist, werden wir kein Problem haben, Nachwuchs zu finden. Derzeit haben wir Schwierigkeiten, Mathematiker und Wirtschaftsinformatiker zu finden. Aber das ist eine generelle Knappheit, mit der alle Unternehmen und Branchen konfrontiert sind.

positionen: Was ist Ihre persönliche Vision eines Versicherers in zehn Jahren?

Herbert Haas: Auch in zehn Jahren wird es noch Versicherer geben. Allerdings mit einem Geschäftsmodell, das das Internet stark verändert haben wird. Stichwort Erreichbarkeit: Der Kunde möchte jederzeit zu jedem Sachverhalt Auskunft erhalten. Rund um die Uhr und sieben Tage die Woche. Androiden werden die Assistenzsysteme übernehmen, unsere Bürogebäude werden in zehn Jahren deutlich leerer sein als heute. Wir werden einfachere Produkte verkaufen, die vielleicht situationsbedingter eingesetzt werden. Geht ein Kunde vier Wochen auf eine Kreuzfahrt, möchte er in der Zeit auch seine Autopolice ruhen lassen. Gleichzeitig werden wir bei den Preisen stärker differenzieren – allerdings nur bis zu einer bestimmten Grenze.

positionen: Wieso?

Herbert Haas: Ansonsten geht der Kollektivgedanke einer Versicherung verloren. Eine differenzierte Preisstruktur darf nicht zu einer Zweiklassengesellschaft führen, denn der Schaden wird im Kollektiv ausgeglichen.

positionen: Welches sind Ihre strategischen Top Five der Talanx-Zukunft?

Herbert Haas: Ganz oben steht für uns Kundenorientierung und -zufriedenheit. Die Mitarbeiter sollten nie vergessen, dass das Geld vom Kunden kommt und nicht von der Firma. Dann müssen unsere Kostenquoten sinken, unsere Effizienz muss steigen. Weitere strategische Ziele sind internationale Diversifikation, Produktinnovation und Talentgewinnung.

positionen: Werden Ihnen „Insuretechs“ den Schneid abkaufen?

Herbert Haas: Ich sehe keine geschäftsbedrohende Revolution, die das Internet für unser Geschäftsmodell bringt. Die einzige wirkliche Gefahr wäre, wenn es Insuretechs gelingen würde, nachhaltig funktionierende Alternativen zum ausgleichenden Versicherungskollektiv zu entwickeln.

Herr Haas, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Herbert Haas

Seit 33 Jahren ist Herbert Haas in der Branche tätig. Der Diplom-Kaufmann fing 1980 bei der damaligen Aufsicht, dem Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen – heute Teil der Bafin – an, um bereits zwei Jahre später zur E+S Rückversicherung AG nach Hannover zu wechseln. Drei Jahre später wurde der damals gerade 30-Jährige nach Los Angeles als Finanzvorstand zur Insurance Corporation of Hannover entsandt. Nach seiner Rückkehr 1989 ging es für Haas in Hannover über verschiedene Vorstandspositionen steil nach oben. Seit 2006 steht der heute 61-Jährige an der Spitze der Talanx AG.

 

Talanx AG

Die seit 2012 börsennotierte Talanx ist nach Prämieneinnahmen (31,8 Milliarden Euro im Jahr 2015) der drittgrößte deutsche Versicherer. Mit seinen gut 21.300 Mitarbeitern ist das Unternehmen in rund 130 Ländern vertreten. Der einstige HDI, zu der auch die Hannover Rück und seit 2006 auch der ehemalige Wettbewerber Gerling gehören, ist ein Paradebeispiel für den radikalen Veränderungs-prozess der Branche. Bis Ende 2016 will das Unternehmen aus dem Geschäft mit traditionellen, klassischen Lebensversicherungen alter Bauart aussteigen. Ein massiver Sparkurs und digitalisierte Prozesse sollen in den nächsten fünf Jahren die Effizienz merklich steigern.

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