Mehr Diversität auch in den Köpfen

07 Okt 2019

Mehr Diversität auch in den Köpfen

Kommentar zum DAX-Vorstands-Report-2019

Brexit, Handelskrieg zwischen USA und China, Russland-Embargo und drohende Rezession - den deutschen Unternehmen mangelt es derzeit nicht an Herausforderungen. Darüber hinaus läuft die digitale Transformation auf Hochtouren: Traditionelle Geschäftsmodelle werden massiv in Frage gestellt, Branchengrenzen diffundieren, Ökosysteme sind gefragt. Der einst kecke Marketing-Slogan, „Nichts ist unmöglich“, ist plötzlich das Gebot der Stunde.

Alte Karrieremuster dominieren…

Vor diesem Hintergrund erstaunt die Ruhe und Kontinuität, die in den Vorstandetagen der größten deutschen Unternehmen herrscht. Die Verhaltensmuster bei der Besetzung der Vorstandsetagen in DAX-Unternehmen haben sich in den letzten 15 Jahren nicht wesentlich geändert. Man(n) ist bei der Berufung 47 bis 48 Jahre, im Durchschnitt später 53 Jahre alt und bleibt rund vier Jahre im Amt. Hinzu kommt, dass insbesondere die CEOs und CFOs vorher jahrelang in demselben Unternehmen tätig waren und wenn nicht, dann zumindest in derselben Branche. Ist diese Kontinuität immer noch das Gütesiegel einer stabilen, weil bewährten Managementkultur oder Ausdruck mangelnder Weiterentwicklung im Management deutscher Top-Unternehmen?

DAX Vorstands Report | Odgers Berndtson

… aber es gibt auch neue Entwicklungen

Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass auch in 2019 nicht alles so stabil und tradiert ist, wie der Anschein es vermuten lässt. Da wäre zum Beispiel die Anzahl der Vorstandsmitglieder im DAX, die seit Jahren kontinuierlich steigt. Das ist gut so, denn somit lassen sich die zunehmende Komplexität und Dichte der Entscheidungen auf mehr Schultern verteilen. Der CEO wird entlastet und kann sich stärker strategischen Fragen zuwenden. Und da die Zahl der „außerplanmäßigen“ Abgänge in den Gremien auch in diesem Jahr die der geplanten übersteigt, ist eine gewisse Reserve im Vorstand auch hilfreich.

Es wäre zu wünschen, dass Diversität sich nicht nur auf das Geschlecht oder die Hautfarbe reduziert, sondern auch auf das, was in den Köpfen steckt.

Dass immer mehr WirtschaftswissenschaftlerInnen Einzug in die Top-Etagen halten und die Juristen sowie Juristinnen dort langsam aussterben, verwundert nicht, zumal die Betriebswirte und Betriebswirtinnen heutiger Prägung mehr in Case Studies als in theoretischer Lehre ausgebildet sind. Logisches, strukturiertes Denken wird sowieso vorausgesetzt, das Denken in Szenarien und das Lernen aus Best Practices hat jedoch endgültig den Vorrang vor „grauer Theorie“ gefunden. Was sich auch in der stetig abnehmenden Zahl von Promotionen im Vorstand zeigt.

Mehr Mut zu echter Diversität erforderlich

Was allerdings verwundern muss, ist der mangelnde Mut zum „Out-of-the-box“-Denken bei der Neubesetzung im Vorstand. Nach wie vor kommen 80 Prozent der Vorstandsmitglieder aus derselben Branche und damit aus bekanntem Terrain - und das, obwohl die Konvergenz der Branchen mit bloßem Auge sichtbar ist und wir hier erst am Beginn einer kompletten Revolution stehen.

Es wäre zu wünschen, dass Diversität sich nicht nur auf das Geschlecht oder die Hautfarbe reduziert, sondern auch auf das, was in den Köpfen steckt. Hierzu sind 20 Prozent QuereinsteigerInnen, die es derzeit sind, ein Anfang, mehr aber auch nicht.

DAX Vorstands Report | Odgers Berndtson

Apropos Diversität: Die Frauenquote scheint sich nach anfänglich starken Wachstumszahlen in den letzten Jahren immer mehr der 15 Prozent-Linie asymptotisch zu nähern. Ist da wirklich das Ende der Fahnenstange erreicht? Hoffentlich nicht. Erfreulich ist zumindest, dass die Vorstandsfrauen zunehmend auch in operativen Bereichen eine Führungsrolle einnehmen und nicht mehr nur die „Frauenressorts“ HR, Recht, Compliance und Einkauf verantworten.

Die Vorstandsetagen werden endlich internationaler

Erfreulich ist jedoch, dass der Ausländeranteil unter den DAX-Vorständen in den letzten zwei Jahren kräftig gestiegen ist und aktuell bei 35 Prozent liegt. Rund die Hälfte der ausländischen Vorstandsmitglieder kommt dabei aus dem europäischen Ausland, ein Fünftel aus den USA. Von den 30 amtierenden CEOs sind sieben nicht-deutscher Herkunft (23 Prozent). Hier ist jedoch noch Luft nach oben. Zum Vergleich: Unter den CEOs im FTSE 100 in Großbritannien sind mehr als ein Drittel nicht-britischer Herkunft. Auch hier hat man erkannt, dass die zunehmende Diversität der Kulturen den Unternehmen wertvolle Kompetenzen und die erforderlichen neuen Blickwinkel eröffnen.

Auf den 30 Unternehmen im DAX lastet ein ganz besonderer Blick der Öffentlichkeit. Es wäre zu wünschen, wenn diese daher in Zukunft etwas mehr Mut zu Veränderungen wagen. Nicht als Selbstzweck, sondern aus Überzeugung, dass es ein „weiter so“ nicht mehr geben kann und wird.

 

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