Mehr und mehr Menschen verdienen ihr Geld als Berufsaufsichtsrat. Eine gute Entwicklung, weil damit Old-Boys-Netzwerke ausgehebelt werden. Was Firmen und Kandidaten bei der Auswahl beachten sollten.

Mit 57 Jahren geht so mancher in den Ruhestand. Nicht so Erhard Schipporeit. Der langjährige Finanzvorstand des Energiekonzerns Eon hat nach dem ersten Berufsleben eine zweite Karriere hingelegt – als Berufsaufsichtsrat. Mittlerweile 68-jährig sitzt er in den Aufsichtsgremien von gleich sechs Unternehmen, vom Dax-Konzern Deutsche Börse bis zum Startup-Inkubator Rocket Internet.

Der Trend ist klar: Während aktive Vorstände nur noch wenige Aufsichtsratsmandate annehmen, nimmt die Zahl derjenigen zu, die mit der Kontrolle von Unternehmen ihr hauptsächliches Einkommen erzielen – ob nach dem eigentlichen Berufsleben oder mittendrin. So ist die durchschnittliche Anzahl der parallelen Aufsichtsratsmandate eines Vorstandsmitglieds im Dax seit 2005 von knapp fünf auf zwei Mandate zurückgegangen. Und die Kontrolleure, die 2016 neu in die Gremien berufen wurden, nehmen im Schnitt sogar nur noch einen Aufsichtsratsposten wahr. Ein erfreulicher Trend, da die traditionelle Old-Boys-Netzwerk-Praxis aufbricht.

Die Verteilung der Aufsichtsratsmandate auf mehr Köpfe als bisher liegt entscheidend in den strengeren Anforderungen an die Kontrolltätigkeit.begründet. Die Zeit der Kaffeekranz-Runden ist längst vorbei, der zeitliche Aufwand wird immer höher. Unternehmen, die im Besitz von Finanzinvestoren sind, setzen sogar regelmäßig Telefonkonferenzen für das Wochenende an – und fordern damit mehr als die gesetzlich geforderten Sitzungen notierter Unternehmen. Zudem nehmen die Haftungsrisiken von Vorständen und Aufsichtsräten zu, die Höhe der Schadensersatzforderungen ebenso. Topmanager überlegen sich deshalb heutzutage dreimal, ob sie ein Mandat annehmen.

In der Folge wird die Auswahl der Kontrolleure immer wichtiger. Das wichtigste Kriterium ist gemäß unserer jüngsten Aufsichtsratsstudie dabei die Fachkompetenz. 73 Prozent der Befragten sind dieser Ansicht. Gut die Hälfte der Befragten fordern außerdem, dass bei der Auswahl Interessenskonflikte vermieden werden sollen (53 Prozent).

Wer eine Aufsichtsratslaufbahn einschlagen will, sollte sich auf Herz und Nieren prüfen. Dazu gehört die Frage, ob man wirklich Mehrwert einbringen kann und ob man die Zeit und den intellektuellen Hintergrund hat, mitzuarbeiten. Zudem müssen mögliche Interessenskonflikte mit anderen Mandaten und eine potenzielle Skandalträchtigkeit des Unternehmens analysiert werden. Wer hat schon Lust, im Rahmen von Korruptionsfällen genannt zu werden?

Wie unsere Erfahrung zeigt, haben Bilanzfachleute gute Chancen auf einen Sitz im Aufsichtsgremium. Aber auch die Berufsgruppe der Wirtschaftsprüfer ist prädestiniert für derartige Mandate. Wie eine Spinne im Netz sind diese Firmen bestens verdrahtet in der Wirtschaftswelt. Ein Beispiel dafür ist Rolf Nonnenmacher, der Ex-KPMG-Chef wacht über drei Unternehmen und ist zudem aktueller Vorsitzender der Corporate-Governance-Kommission.

Die suchenden Unternehmen sollten ebenfalls hinterfragen, ob der Aspirant wirklich einen Mehrwert mitbringt wie etwa Branchenkenntnisse oder digitale Kompetenzen – oder nur Mandate anhäufen will. Denn Eitelkeit ist eine weit verbreitete Eigenschaft unter Kontrolleuren. "Gockel", die eine Bühne suchen, sind in der Aufsicht jedoch fehl am Platz. Genauso wichtig neben den Hard Skills sind daher persönliche Faktoren. Aufsichtsräte sind per se größer als die operativen Führungen, umso wichtiger ist, dass die Mitglieder konstruktiv zusammenarbeiten. Erhard Schipporeit und Rolf Nonnenmacher sind dafür gute Beispiele.

Link zum Handelsblatt Expertenrat

Klaus Hansen ist Managing Partner der Personalberatung Odgers Berndtson und leitet die Practices "Board & Chair" sowie „CEO“ in Deutschland. Für das Handelsblatt schreibt er über aktuelle Themen rund um Topmanager, Führung und Karriere.

Klaus Hansen

Klaus Hansen has been with Odgers Berndtson since 1995. He heads the "Board & Chair" and "CEO" practices in Germany. Klaus primarily focuses on the search for and assessment of executive and non-ex...

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