Viele Manager bleiben auch im Urlaub online, sie checken ihre Mails, setzen intern keine klaren Grenzen. Das verhindert die Erholung und erhöht das Risiko, zu erkranken. Was ist der richtige Umgang mit mobiler Kommunikation?

Irgendwann im Juni, Anfang des neuen Jahrtausends an einem beliebigen Strand in Südeuropa. Urlauber schwimmen im Meer, bräunen in der Sonne, trinken Cocktails, hören Musik, lesen. Derselbe Strand, nur 15 Jahre später, alles ist gleich, nur eins ist anders: Geschätzt jeder Zweite hält in seinen Händen ein Smartphone.

Smartphones und andere mobile Geräte wie Tablets verändern unser Leben. Jederzeit erreichbar sein – das ist Segen und Fluch zugleich. Insbesondere Führungskräfte werden geflutet von Informationen, so mancher bekommt täglich Hunderte von E-Mails, dazu noch SMS und Whatsapp-Nachrichten. Und nicht wenige kontern pfeilschnell, wissen sie doch: Antwortzeiten von länger als einer Stunde werden mitunter als unhöflich bewertet.

Führungskräfte registrieren diese Nachteile der Digitalisierung mittlerweile deutlich stärker als in den Vorjahren, wie unser aktuelles Manager-Barometer zeigt. 58 Prozent der befragten Manager beklagt, immer und überall greifbar zu sein. Jeder Dritte fühlt sich infolge der Digitalisierung stark kontrolliert – im Vorjahr bemängelte dies nur jeder Fünfte.

Weniger robuste Charaktere geraten durch die dauernde Erreichbarkeit in Gefahr, ernsthaft zu erkranken. Unsere Befragung zeigt: 17 Prozent der Führungskräfte, die eine Hierarchiestufe zurückgehen würden, begründen das mit gesundheitlichen Problemen und zu viel Stress. Gleichzeitig wünschen sich mehr und mehr Manager eine geringere Arbeitsbelastung. Im Durchschnitt möchten Führungskräfte ihre Arbeitszeit um neun auf 45 Wochenstunden netto senken.

Die generelle Arbeitszeit ist das Eine, der Umgang mit der Arbeitsbelastung das Andere. Was sollten Manager speziell für den Urlaub beachten? Zunächst sollten sie lernen, Verantwortung abzugeben und ihre Mitarbeiter darin schulen, Entscheidungen selber zu treffen. Schließlich ist keiner unersetzbar. Dazu gehört auch eine klare Botschaft an alle, mit denen man zu tun hat: Im Urlaub werden keine Mails gelesen. Eine entsprechend formulierte, automatische Abwesenheitsnachricht wirkt da Wunder.

Ist der Chef in den Ferien, verschickt das Team nur die relevanten Informationen und Fragen in bestimmten Intervallen, zum Beispiel einmal am Tag. So kann sich der Urlauber gedanklich auf diese Informationsphasen einstellen und den Rest des Tages genießen.

Aber Achtung: Eine gute Vorbereitung und Delegation von Verantwortung verpuffen wirkungslos – wenn das Smartphone im Urlaub dann doch ständiger Begleiter ist. Es geht also nichts über Selbstdisziplin.

Wenn alles nichts hilft, dann kann ein Eingreifen des Arbeitgebers sinnvoll sein. Um einen Wandel der Unternehmenskultur anzustoßen, ist die für alle geltende Anweisung hilfreich, dass im Urlaub keine E-Mails gelesen werden. Gewiss, das ist eine ebenso unglückliche Entmündigung wie der Zwang zur Frauenquote, aber wie bei dieser bedarf es manchmal temporärer, äußerer Zwänge, um Veränderungen zu bewirken.

Die so gewonnenen Freiräume sollte die Führungskraft im Urlaub dazu nutzen, wirklich zu entspannen. Und wer bei der Rückkehr ins Büro erschrocken feststellt, dass die Erde sich immer noch dreht, dem bleiben zwei Erkenntnismöglichkeiten: Entweder in Panik zu geraten, weil die Gewissheit der Entbehrlichkeit wehtut, oder sich auf den nächsten Urlaub zu freuen!

Link zum Handelsblatt Expertenrat 

Klaus Hansen ist Managing Partner der Personalberatung Odgers Berndtson und leitet die Practices "Board & Chair" sowie „CEO“ in Deutschland. Für das Handelsblatt schreibt er über aktuelle Themen rund um Topmanager, Führung und Karriere.

Klaus Hansen

Klaus Hansen has been with Odgers Berndtson since 1995. He heads the "Board & Chair" and "CEO" practices in Germany. Klaus primarily focuses on the search for and assessment of executive and non-ex...

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