Wenn Firmen Militärs für Teamevents engagieren, kann eine Menge schiefgehen. Dabei ist der Nutzen für Unternehmen und Manager klar ersichtlich. Man sollte nur die Actionspiele weglassen.

Wenn Unternehmen ihre Führungskräfte regelmäßig zusammenrufen, dann staffieren sie das Programm häufig mit Leibesübungen aus, mit Wildwasser-Rafting, mit einer Klettereinheit in Outdoor-Parks oder mit einer Partie Crossgolfen. Europas größter Versicherungskonzern Allianz genügte das im März dieses Jahres nicht – er ließ für sein Teambuilding-Event ehemalige US-Militärs einfliegen.

Auf Videoleinwänden simulierten die Gäste mit Kampfjets und Hubschrauber eine Gefechtssituation, bei der der Pilot gerettet werden sollte. In Kleingruppen tüftelten die Teilnehmer an Bergungsübungen, dazu krochen die gestandenen Manager auch unter Tische. Das Ziel des Strategiemeetings lautete: blitzschnelle und (blitzgescheite) Entscheidungen zu treffen lernen - nach Vorbild der US-Streitkräfte.

Der entrüstete Aufschrei – innerhalb der Allianz und in der Öffentlichkeit – ließ nicht lange auf sich warten. Dabei gab es, nüchtern betrachtet, nur eine Unwucht zwischen sinnvoller Theorie und schlecht umgesetzter Praxis. Denn grundsätzlich können Unternehmen viel vom Militär lernen – heute mehr denn je.

Zum einen müssen die Firmen mitunter in Minuten entscheiden, ohne dass alle Fakten bekannt sind. Gerade für solch brenzlige Situationen werden Offiziere ausgebildet. Zum zweiten haben es die Wirtschaftskapitäne unserer heutigen Zeit mehr denn je mit „Gegnern“ zu tun, die urplötzlich da und kaum auszurechnen sind. Einstige Startups wie Uber oder Amazon zwingen ganze Branchen in die Knie. Die Armeen des Westens dagegen wissen mit „asymmetrischer Kriegsführung“ schon seit langem umzugehen.

Zum dritten stehen die Industrieunternehmen vor der Herausforderung, sich vom Produkthersteller zum Lösungsanbieter wandeln zu müssen. Produkte, Prozesse und Systeme, die bislang nichts miteinander zu tun hatten, müssen vernetzt und zusammengeführt werden. Beim Militär hat das Denken und Handeln in Silos schon seit über hundert Jahren ausgedient. Seit Beginn der Technisierung wird das „Gefecht der verbundenen Waffen“ trainiert.

Grund genug, dass Firmenlenker diese Erkenntnisse nutzen. Tatsächlich haben viele Manager immer noch große Berührungsängste mit dem Militär. Das liegt zum einen an der Geschichte Deutschlands und der unrühmlichen Funktion des Militärs im NS-Reich. Zum anderen glauben viele Unternehmen immer noch, dass Fachwissen eine deutlich wichtigere Rolle im Leiten von Teams als die Führungskompetenz als solche spielt. Dieser Logik folgend nehmen viele Unternehmen auch an, Führungswissen in einem mehrtätigen Seminar vermitteln zu können.

In der Ausbildung zum Offizier dagegen ist Führung der zentrale Bestandteil. Soldaten wird von Anfang an gelehrt, selbständig vor Ort Entscheidungen zu treffen – auch in Momenten größter Unsicherheit und fehlender Informationen. Dabei gilt: Lieber eine falsche als gar keine Entscheidung treffen. All das sollte auch für Manager gelten. Dass für einmal getroffene Entscheidungen später eingestanden werden muss, ist eigentlich schon eine Selbstverständlichkeit.

Auf Actionspiele mit Helden von Gestern können Führungskräfte gut verzichten – das sollte auch die Allianz einsehen. Gefragt sind heute gestandene Manager, die auch unter hoher Belastung ihr Ziel nicht aus den Augen verlieren, flexibel im Denken und Handeln sind und vor ihrer Mannschaft stehen. Da wäre mancher Offizier eine willkommene Bereicherung. Auch das ist Diversität.

Link zum Handelsblatt Expertenrat 

Klaus Hansen ist Managing Partner der Personalberatung Odgers Berndtson und leitet die Practices "Board & Chair" sowie „CEO“ in Deutschland. Für das Handelsblatt schreibt er über aktuelle Themen rund um Topmanager, Führung und Karriere.

Klaus Hansen

Klaus Hansen has been with Odgers Berndtson since 1995. He heads the "Board & Chair" and "CEO" practices in Germany. Klaus primarily focuses on the search for and assessment of executive and non-ex...

Insights

Insight

Warum gute Mütter und Väter die besseren Vorstände sind

Kolumne von Klaus Hansen für den Handelsblatt-Expertenrat 12. Juli 2018

Insight

Was eine gute Führungskraft vom einfachen Manager unterscheidet

Kolumne von Klaus Hansen für den Handelsblatt-Expertenrat 26. Juli 2018

Insight

In der Dieselaffäre stinkt der Fisch stinkt vom Kopf

Kolumne von Klaus Hansen für den Handelsblatt-Expertenrat 28. Juni 2018