Seit mehr als 23 Jahren arbeitet Christian Fischer für den Chemiekonzern BASF, ab September dieses Jahres übernimmt der 53-Jährige nun den Vorstandsvorsitz beim Verpackungshersteller Gerresheimer - als Quereinsteiger also.

Einige wenige Personalien von der Sorte Fischers gab es auch schon früher. Gut in meiner Erinnerung verankert: Der Wechsel von Peter Löscher 2007 vom US-Pharmakonzern Merck & Co zu Siemens. Oder als 2009 der Novartis-Manager Thomas Ebeling bei der TV-Sendergruppe ProSiebenSat.1 anheuerte – ohne jede Erfahrung im Mediengeschäft. Das sind bis heute absolute Ausnahmen. Dazu zählte auch Kasper Rorsted, der 2016 vom Waschmittel- und Klebstoffkonzern Henkel zum Turnschuhhersteller Adidas überlief.

„Eigengewächse“ dagegen sind in den meisten Unternehmen en vogue. Wie unsere jährliche DAX-30 Studie zeigt, ist der Anteil der Vorstände, die vor ihrem Aufstieg in das Spitzengremium mehr als die Hälfte ihrer Karriere im gleichen Unternehmen verbracht haben, kontinuierlich gestiegen. In 2016 ist dieser Wert auf 58 Prozent geklettert. Bei den DAX-Chefs liegt diese Quote sogar bei 70 Prozent. Auch die Branchenzugehörigkeit wird immer wichtiger. Der Anteil der Vorstandsmitglieder, die ihre Karriere zum größten Teil innerhalb derselben Branche verbracht haben, übertrifft inzwischen die 80-Prozent-Marke, bei CEOs sind es mehr als 90 Prozent. Ähnlich das Bild bei CFOs, den zweitwichtigsten Personen in den Unternehmen. „Stallgeruch“ ist auch bei ihnen zunehmend wichtiger, wie die letzten beiden Jahre mit Werten um 60 Prozent zeigen.

Auf den ersten Blick ergibt diese Strategie der Unternehmen Sinn. Die Zeiten werden rauer, die Herausforderungen immer komplexer. Unter solchen Rahmenbedingungen wählen Menschen (und damit Unternehmen) den bewährten Weg. Vielerorts gilt dann: Wer einen Branchenfremden einstellt, geht ein persönliches Risiko ein. Scheitert der “Fremde”, wusste es jeder schon vorher. Wer jedoch gemäß dem „Standard-Profil“ einstellt, kann dafür kaum belangt werden. Hinzu kommt: Viele Firmen nehmen ihre Produkte immer noch als unique an, für die man jahrelange Erfahrung vorweisen muss.

Tatsächlich ist diese Strategie jedoch fatal. Der Fach- und Führungskräftemangel droht immer mehr zu einem Personalengpass zu werden, die Branchen vernetzen sich immer stärker. Unternehmen sollten deshalb die silo-artigen Rekrutierungsprozesse ad acta legen und sich stattdessen verstärkt mit Quereinsteigern und damit auch mit Querdenkern auseinandersetzen. Dies erfordert einerseits die sorgfältige Analyse der für den Job gesuchten Fähigkeiten und andererseits eine hohe Kompetenz im Personalbereich, diese Fähigkeiten auf andere Branchen zu transferieren, um so die Qualität eines Quereinsteigers zu beurteilen.

Bei zwei Fachpositionen geschieht dies schon immer häufiger. So sind 53 Prozent der amtierenden Personalvorstände in DAX-Unternehmen Seiteneinsteiger. Auch die Position des Chief Digital Officers wird in vielen Unternehmen bewusst mit Experten besetzt, die aus Branchen kommen, die bei der digitalen Transformation schon weiter sind.

Entgegen kommt den Unternehmen: 82 Prozent der Manager sind bereit, in eine andere Branche zu wechseln. Aber Obacht! Niemand wird im neuen Unternehmen bloß dafür bewundert, der „Querdenker“ zu sein. Erforderlich ist, dass Branchenwechsler ihren konkreten Mehrwert für den neuen Arbeitgeber schnell auf den Punkt bringen und sich ebenso schnell in die für sie neue Branche einarbeiten. Ansonsten werden sie schon bald als nutzlose Besserwisser ignoriert, isoliert und "ausgesondert".

Link zum Handelsblatt Expertenrat

Klaus Hansen ist Managing Partner der Personalberatung Odgers Berndtson und leitet die Practices "Board & Chair" sowie „CEO“ in Deutschland. Für das Handelsblatt schreibt er über aktuelle Themen rund um Topmanager, Führung und Karriere.

Klaus Hansen

Klaus Hansen has been with Odgers Berndtson since 1995. He heads the "Board & Chair" and "CEO" practices in Germany. Klaus primarily focuses on the search for and assessment of executive and non-ex...

Insights

Insight

Schluss mit Glasschränken: LGBTQ+ und die Chefetage

Weltweit identifizieren sich Millionen Menschen als LGBTQ+, jedoch sind Top-Führungskräfte, die s...

Insight

Ein Chef, der seine Nachfolge nicht regeln kann, ist fehl am Platz

Kolumne von Klaus Hansen für den Handelsblatt-Expertenrat 17. Oktober 2018

Insight

Was Bayern von einem "CEO" Söder erwarten darf

Kolumne von Klaus Hansen für den Handelsblatt-Expertenrat 3. Oktober 2018