Lange Amtszeiten können nachteilhaft sein, siehe Sozialismus. Wer lange einen Spitzenjob ausüben will, der muss nicht nur die nötige Kompetenz mitbringen – sondern muss vor allem flexibel sein. Wie Angela Merkel.

Am 24. September dieses Jahres tritt der "Aufsichtsrat" der Deutschland AG zu einer entscheidenden Sitzung zusammen. Die rund 61,5 Millionen Mitglieder des Kontrollgremiums bestimmen, wer die nächsten vier Jahre unserer Republik vorstehen wird. Es scheint ganz so, als ob Angela Merkel wiedergewählt wird, zum gefühlt xten-Mal. Weil die Wahlberechtigten sie für kompetent erachten, unser Land weiter zu führen? Man bedenke: Helmut Kohl als Bundeskanzler wurden die Deutschen irgendwann überdrüssig, die Abwahl war die Folge.

Auf die Wirtschaft übertragen: Wie lange sollte der Chef eines Unternehmens an der Macht bleiben, wie lange die anderen Vorstände? Wann ist der richtige Zeitpunkt, zu gehen?

Der Verweildauer in Deutschlands Chefetagen haftet etwas merkeleskes an. Hierzulande ist der gemeine CEO derzeit rund sechs Jahre im Amt. Der Marathon im Unternehmen beginnt dabei schon viel früher: 70 Prozent der Vorstände im DAX haben sich in elf Jahren vor ihrer Berufung im selben Unternehmen hochgearbeitet. Trotz der zunehmend starken Marktveränderungen in den einzelnen Branchen zeichnen sich die Führungsgremien damit immer noch durch hohe Kontinuität aus. Anders gesagt: Deutschlands Eigentümer und Kontrolleure üben sich im internationalen Vergleich in viel Geduld mit den Vorständen. So gesehen genoss Nikolaus von Bomhard dreizehn Jahre lang ein betonfestes Vertrauen, von 2004 bis April dieses Jahres führte er den Rückversicherer Munich Re - Rekord unter den Dax-Vorständen in der jüngeren Geschichte Deutschlands.

Wann werden die Eigentümer ihrer CEOs überdrüssig? Angesichts wenig bahnbrechender Innovationen in Deutschland stellt sich diese Frage immer drängender. Wo sind die Ubers, Airbnbs & Co hierzulande? Konnten unsere Firmen in der Vergangenheit mit Maschinen und Anlagen punkten, ist künftig etwas anderes gefragt: Der richtige Umgang mit Daten, dem Gold unserer Zukunft. Dafür muss die heutige Generation der Vorstände gerüstet sein - egal wie lange sie schon im Spitzengremium sind.

Eine Lösung von der Stange für die Amtszeit eines CEOs gibt es nicht, maßgeschneiderte Konzepte sind Trumpf. In die Überlegung, ob ein Vorstandschef ausgetauscht werden sollte oder in die Verlängerung gehen darf, sollten einfließen: In welchem Zustand ist das Unternehmen? Wird es saniert, ist es auf Wachstumskurs, verfolgt es gerade ein disruptives Moment? Steigen Umsatz und Gewinn? Eingebettet werden müssen diese Überlegungen in die Branchenkonstellation. Liegt sie danieder, steht sie vor großen Herausforderungen, befindet sie sich in einer Boomphase?

Natürlich muss auch der CEO selbst eingehend beleuchtet werden. Entscheidend dabei ist nicht, wie lange der Vorstand bereits in Amt und Würden ist. Vielmehr ist relevant, inwieweit die Eigentümer des Unternehmens, ihm zutrauen, den Anforderungen des Markts gerecht zu werden, also immer den entscheidenden Schritt voraus zu sein. Damit ist der CEO auch eine Art Aktie, eine Wette auf die Zukunft: Geht die Leistungskurve nach oben? Wie innovativ ist das Unternehmen?

Was das Erkennen großer Trends angeht, können die CEOs von Angela Merkel lernen. Die Chefin der Deutschland AG fackelt nicht lange, wenn große Herausforderungen anstehen, siehe Atomausstieg oder Flüchtlingswelle. Dass sie mitunter vorher noch eine andere Meinung vertreten hat, zeigt – so ihre Anhänger – nur ihre Flexibilität.

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Klaus Hansen ist Managing Partner der Personalberatung Odgers Berndtson und leitet die Practices "Board & Chair" sowie „CEO“ in Deutschland. Für das Handelsblatt schreibt er über aktuelle Themen rund um Topmanager, Führung und Karriere.

Klaus Hansen

Klaus Hansen has been with Odgers Berndtson since 1995. He heads the "Board & Chair" and "CEO" practices in Germany. Klaus primarily focuses on the search for and assessment of executive and non-ex...

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