Von kleinen Schummeleien bis zu Gesetzesverstößen: Mit der Ethik scheint es in deutschen Firmen bergab zu gehen. Der „ehrbare Kaufmann“ ist heute offenbar eine Chimäre. Zeit für eine Trendwende.

Fangfrage: Was hat das frühe Mittelalter mit 2017 zu tun? Viel! Um 1340 schrieb der Italiener Francesco Balducci Pegolotti seine „Practica della mercatura“, eine Art Bibel für Kaufleute. Darin heißt es: „Der Kaufmann, der Ansehen genießen will, muss immer gerecht handeln und immer seine Versprechen einhalten. Er soll aufrichtig sein beim Verkauf und keine Fehler begehen.“

Bis heute wird dieses Bild des „ehrbaren Kaufmanns“ hochgehalten. Die Industrie- und Handelskammern haben es in ihren Statuten verankert, die Wertekommission, die sich speziell an Fach- und Führungskräfte richtet, fordert es – und im Deutschen Corporate Governance Kodex heißt es neuerdings: „Gute Unternehmensführung zeichnet sich durch legales und ethisch fundiertes, eigenverantwortliches Verhalten aus.“

Nur: Der Alltag scheint mit den Schriften nichts zu tun haben. „Dieselgate“ und die neuesten Kartellvorwürfe gegen die deutsche Autoindustrie sind nur einige Skandale aus der jüngsten Vergangenheit. Unser aktuelles Manager-Barometer zeigt: Jeder fünfte Manager hat schon mindestens einmal einen Auftrag erhalten, der der Gesetzeslage oder den Compliance-Regeln zuwider lief. 40 Prozent haben den Auftrag „auf Verantwortung des Vorgesetzten“ ausgeführt. Dazu kommt: Nur 20 Prozent der Führungskräfte sprechen dem Compliance-Chef die notwendige Akzeptanz in der Firma und die nötigen Entscheidungsbefugnisse zu.

Wer gesetzeswidrige Aufträge annimmt, erklärt dies zumeist mit dem hohen Erfolgsdruck, auch menschliche Gier und genereller Werteverfall werden üblicherweise genannt. Parallel rügen die Manager, dass die Sanktionen für Korruption zu gering sind, um kriminelle Energie zu verhindern.

Im Gegensatz dazu war für den Kaufmann früherer Jahrhunderte und Jahrzehnte ehrenvolles Handeln seine Lebensversicherung, sein soziales Kapital. Der persönliche Ruf hing vom integren Handeln ab. Wer betrogen hatte, für den galt das Gegenteil von Ehre, nämlich Schande.

Der verhängnisvolle Trend zu verrohten Sitten und zum unethischen Handeln gründet sich deshalb oft in den komplexen Strukturen der Konzerne. Wenn Verantwortlichkeiten nicht klar geregelt sind, ist die Verlockung, unrechte Dinge zu tun, besonders groß. Besonders anfällig sind Gebilde, in denen die Eigentümer nicht in der Führung sitzen, ja praktisch nicht sichtbar sind. Entweder, weil sie sich nur einmal im Jahr auf eine Bockwurst bei der Hauptversammlung treffen oder sich mit den Ausschüttungen aus ihrem Erbe konzernfern zufrieden geben. In einem börsennotierten Konzern mit einem hohen Streubesitzanteil etwa können Manager Roulette spielen, bei aufgedeckten Fehlverhalten bekommen sie ihren Vertrag dennoch ausbezahlt.

Unter Familienunternehmen ist unethisches Verhalten seltener anzutreffen. Denn die Inhaber stehen mit ihrem Namen für die Grundsätze Francesco Balducci Pegolottis und sanktionieren Regelverstöße konsequent und schnell. Schließlich leidet ihr persönliches Renommee durch Missetaten von Angestellten unmittelbar.

Sich anständig zu verhalten, sollte aber Ausdruck einer inneren Haltung sein, ganz gleich in welcher Art von Unternehmen ein Manager arbeitet. Gemäß der Erkenntnis „Der Fisch stinkt vom Kopf her“ ist deshalb ein Topmanagement vonnöten, das ethisches Handeln von unethischem sicher abgrenzt und eine einwandfreie Führung ausnahmslos vorlebt. Und hrloses Verhalten muss nicht nur gesellschaftlich wieder stärker geächtet , sondern auch auf Ebene der Firmen konsequent geahndet werden. Im Klartext: Verantwortliche müssen ihren Hut nehmen.

Link zum Handelsblatt Expertenrat 

Klaus Hansen ist Managing Partner der Personalberatung Odgers Berndtson und leitet die Practices "Board & Chair" sowie „CEO“ in Deutschland. Für das Handelsblatt schreibt er über aktuelle Themen rund um Topmanager, Führung und Karriere.

Klaus Hansen

Klaus Hansen has been with Odgers Berndtson since 1995. He heads the "Board & Chair" and "CEO" practices in Germany. Klaus primarily focuses on the search for and assessment of executive and non-ex...

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