Erfolgreich handeln heißt heute: online mit offline, digital mit analog und virtuell mit lokal zu kombinieren. Für diesen Spagat suchen Handelsunternehmen händeringend nach digitalen Experten und erfahrenen Multichannel-Managern. Wo man diese finden kann, erläutert Gabriele Stahl von Odgers Berndtson, die sich mit ihrem Team auf die Besetzung von Führungspositionen im Retail-Markt spezialisiert hat.

Die Digitalisierung des Handels hat eine neue Entwicklungsstufe erreicht. Laut Prognosen des aktuellen Statista Digital Market Outlooks wird der weltweite E-Commerce-Umsatz von derzeit 1,1 Billionen Euro auf rund 2 Billionen Euro im Jahr 2021 steigen. Während der Internethandel stark wächst, kämpft der stationäre Einzelhandel gegen das Aussterben der Läden – besonders in den Innenstädten. Weltweit müssen Geschäfte und Einkaufszentren für ihre Daseinsberechtigung kämpfen, denn der moderne Konsument erwartet eine unbegrenzte Produktauswahl, die für ihn zu jeder Zeit via Smartphone, Tablet oder Laptop verfügbar ist. Um das Onlineshopping noch attraktiver zu machen, arbeiten Unternehmen im Handel an der Optimierung ihrer Supply Chain-Prozesse und bieten immer häufiger Same-Day Delivery ihrer Waren an. Die Lieferdrohnen von Amazon wurden bereits in Großbritannien getestet und der Lieferroboter von Hermes war schon in Hamburg unterwegs. Auch der Lebensmitteleinzelhandel wird derzeit kräftig durchgeschüttelt. Durch Kooperationen, wie sie jüngst zwischen Amazon und DHL für die Lieferung frischer Lebensmittel vereinbart wurden, geraten traditionelle Händler zunehmend unter Druck. „Die Rahmenbedingungen, in denen sich Handelsunternehmen bewegen, verändern sich durch die neuen Technologien immer rasanter“, beobachtet Gabriele Stahl, Partner bei Odgers Berndtson und Leiterin der Industry Practice Consumer Products & Services. „Jedes Retail-Segment erlebt derzeit eine fundamentale Revolution.“

Convenience wird zum Trumpf

Die steigende Akzeptanz des E-Commerce hat aber nicht nur negative Folgen für den stationären Handel, denn die Offlinewelt profitiert zeitgleich von einem weiteren Verkaufs- und Werbekanal im Internet. Außerdem gewinnt in einer digitalisierten Welt das emotionale Einkaufserlebnis stärker an Bedeutung. „Der Mensch rückt mit seinen individuellen Bedürfnissen beim Einkauf wieder in den Mittelpunkt“, sagt Gabriele Stahl. Die wichtigsten digitalen Trends im Handel fasst der von der Zukunftsinstitut GmbH und der dfv Mediengruppe herausgegebene Retail Report 2018 wie folgt zusammen:

Retail Recruiting: Der Verkäufer hinter der Kasse ist ein Auslaufmodell. Hingegen werden mehr Digitalexperten in der Retail-Branche benötigt. Handelsunternehmen müssen an ihrem Arbeitgeberimage arbeiten, um digitale Talente anzuziehen.

Robo Retail: Die Automatisierung von Prozessen macht vor dem Handel nicht halt. Vor allem in der Logistik und Lagerhaltung wird Robotertechnologie verstärkt zum Einsatz kommen. Der Roboter am Point of Sale bleibt jedoch ein Einzelfall.

Dash Delivery: Durch den anhaltenden Boom des E-Commerce wird die Auslieferung auf der letzten Meile zur Herausforderung. Der Wettstreit zwischen Händlern und Logistikern um die besten Innovationen ist entbrannt. Convenience wird zum Trumpf.

Voice Commerce: Die Sprachsteuerung wird zu einer intelligenten Erweiterung des E-Commerce. Digitale Sprachassistenten ermöglichen das Einkaufen zukünftig unabhängig von Bildschirmen. Um die Vielzahl der neuen Technologien erfolgreich umzusetzen, hat die Branche derzeit einen hohen Personalbedarf an Fach- und Führungskräften mit digitalen Kompetenzen. Unternehmen wie etwa der Schweizer Handelsriese Migros sind dafür Kooperationen mit spezialisierten Unternehmen wie Amazon eingegangen, die ihnen neben dem Know-how auch die personellen Ressourcen sichern sollen. „Statt selber für teures Geld einen Onlinevertrieb aufzubauen, nutzen viele Händler lieber die Chance, mit etablierten Onlinern zusammenzuarbeiten“, kommentiert Beraterin Stahl. Gleiches gilt für den Versand. Logistiker wie DHL oder DPD sind derzeit gefragte Kooperationspartner im Handel – sowohl für traditionelle Handelshäuser als auch für Amazon & Co.

Handelsunternehmen müssen sich Onlinekompetenz aneignen

Dennoch kommen Handelsunternehmen nicht umhin, eine eigene Onlinekompetenz aufzubauen. Hierfür suchen sie zunehmend auch in anderen Branchen, die in der digitalen Transformation schon weiter sind als sie selbst, etwa im IT-Sektor, in der Touristikbranche oder im Bereich Medien und Entertainment. Ein interessantes Rekrutierungsfeld bieten auch Start-ups in den Bereichen Software, Onlinemarketing oder künstlicher Intelligenz sowie Deep Learning. Gründer, die ein oder mehrere Unternehmen erfolgreich entwickelt und gewinnbringend verkauft haben, können sich vor Anfragen nicht retten. Aber auch Gründer, deren Geschäftsmodell zwar von Anfang an überzeugen konnte, die jedoch Probleme bei späteren Finanzierungsrunden hatten, stoßen bei Unternehmen auf Interesse. Offensichtlich ziehen gescheiterte Gründungen steile Lernkurven und eine gewisse Demut nach sich, was oft zu einer noch besseren Performance in der Zukunft führt.

Es geht aber nicht nur darum, neue Technologien einzusetzen, digitale Marktplätze aufzubauen oder Social Media zu nutzen. Vor allem anderen ist die Integration der verschiedenen Vertriebskanäle und deren intelligente Vernetzung das Gebot der Stunde. Hierfür werden Multichannel-Manager gesucht, die den hybriden und mobil vernetzten Kunden von heute Kanalvielfalt bieten und zugleich in der Lage sind, das Einkaufserlebnis im Laden zu optimieren. Keine leichte Aufgabe. Erfahrene Multichannel-Manager finden sich beispielsweise bei den großen Markenartikelherstellern wie Nestlé, Coca-Cola oder Procter & Gamble sowie bei Unternehmen aus dem Bereich Consumer Electronics.

Schließlich stehen Handelsunternehmen vor der Herausforderung, die erforderlichen Talente nicht nur zu finden, sondern sie auch zu gewinnen und zu halten. Da die Vergütung im Handel traditionell geringer ist als zum Beispiel im Finanz- oder Automobilsektor, müssen die Unternehmen hier mit anderen Incentives punkten. Hierzu gehören eine gut dotierte Altersversorgung und flexible Arbeitszeiten ebenso wie attraktive Karriereperspektiven. „Um gute Führungskräfte zu gewinnen, kommt es vor allem auf die Aufgaben und deren Inhalte, die individuellen Gestaltungsmöglichkeiten sowie eine interessante berufliche Perspektive an“, beschreibt Gabriele Stahl die Schlüsselfaktoren für die erfolgreiche Besetzung von offenen Führungspositionen. „Außerdem sollten die Kandidaten Leidenschaft für die Produkte und Dienstleistungen mitbringen und vor allem in die Kultur des Unternehmens passen.“

Der Handel muss sich als attraktiver und flexibler Arbeitgeber präsentieren, um Top-Talente mit den nötigen Digital Skills zu begeistern. Die großen Handelsunternehmen verfügen durch ihre starke Brand zwar über einen hohen Bekanntheitsgrad, sie werden sich jedoch moderner positionieren und ihre Arbeitsbedingungen flexibilisieren müssen, um sich im Wettbewerb um die besten Köpfe gegenüber den kleineren, innovativen Händlern im Onlinebereich zu behaupten.

 

 

Gabriele Stahl
ist Partner bei Odgers Berndtson. Als Leiterin der Industry Practice Consumer Products & Services in Deutschland berät sie internationale und nationale Markenunternehmen in den Food- und Non-Food- Segmenten sowie Handelskonzerne und Multichannel- Unternehmen.

 

Industry Practice Consumer Products & Services 
Seit mehr als 25 Jahren unterstützt die Industry Practice Consumer Products & Services von Odgers Berndtson Markenunternehmen und Handelskonzerne erfolgreich bei der Besetzung von Führungspositionen auf Geschäftsführungs- und Vorstandsebene. Durch rund 100 Suchprojekte pro Jahr hat das siebenköpfige Team ein umfassendes Netzwerk und breite Kompetenz aufgebaut. Das Team der Industry Practice Consumer Products & Services besetzt Managementpositionen in folgenden Segmenten:

  • Markenartikelhersteller im Bereich FMCG, Durable Goods und Consumer Electronics,
  • Handelskonzerne,
  • Touristikkonzerne,
  • Medienhäuser und
  • Multimediaunternehmen.  

 

Gabriele Stahl

Gabriele leads the consumer practice in Germany. She advises family owned as well as global enterprises in the FMCG industry. In the consumer goods industry and in retail Gabriele fills positions...

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