Den weißen Kittel hat Prof. Jürgen Graf, Facharzt für Innere Medizin und Anästhesiologie und Intensivmedizin, schon vor einiger Zeit gegen den Anzug getauscht. Auf Empfehlung von Odgers Berndtson hat er nun die Position des Ärztlichen Direktors und Vorstandsvorsitzenden am Universitätsklinikum Frankfurt übernommen.

Mit Prof. Dr. Jürgen Graf sprach Peter Herrendorf.

positionen: Herr Professor Graf, Sie sind ein habilitierter Arzt. Wie kam es zu Ihrer Leidenschaft für die Medizin?

Prof. Jürgen Graf: Unmittelbar nach dem Abitur habe ich mich neben der Medizin für ein Studium der Sportwissenschaften und der Philosophie interessiert. Schon zu Beginn meines Zivildienstes in einem Krankenhaus, auf einer geronto-psychiatrischen Station, war ich mir allerdings sicher, Medizin studieren und als Arzt tätig werden zu wollen.

positionen: Und wie kamen Sie zur Anästhesie?

Prof. Jürgen Graf: Nach meinem Studium in Aachen habe ich eine Ausbildung zum Internisten absolviert, mit den Schwerpunkten Kardiologie, Pneumonologie und Intensivmedizin. Durch den Ruf meiner Frau an die Universität Gießen stand ein Wohnort- und Klinikwechsel an, den ich u.a. dafür genutzt habe, an den Facharzt für Innere Medizin die Ausbildung zum Anästhesisten am Universitätsklinikum Marburg anzuschließen. Die Anästhesie habe ich mir also eigentlich erst auf dem 'zweiten Bildungsweg' erschlossen. Mein Berufsziel war damals die Leitung einer großen, interdisziplinären Intensivstation. In diesem Bereich habe ich sowohl in Aachen, als auch in Marburg wissenschaftlich gearbeitet.

positionen: Trotz der langen Ausbildung und erfolgreichen Entwicklung haben Sie sich letztlich entschieden, den „weißen Kittel“ auszuziehen.

Prof. Jürgen Graf: Ich habe schon während meiner aktiven Zeit am Patienten meist keinen weißen Kittel getragen (lacht). Die Entscheidung, nicht mehr in der primären Patientenversorgung tätig zu sein, erfolgte schrittweise. Zunächst bin ich aus dem Alltag der Akutversorgung eines Universitätsklinikums in die im Wesentlichen präventive Medizin zur Lufthansa gewechselt, von dort dann in das Krankenhausmanagement.

positionen: Was war die Motivation für diesen Schritt?

Prof. Jürgen Graf: Antreiber war vor allem der Wunsch, nicht nur im direkten Arzt-Patienten-Verhältnis zu wirken, sondern Einfluss auf die Rahmenbedingungen unseres ärztlichen Handelns zu nehmen und somit unser Arbeitsumfeld mitzugestalten. Ich habe mich immer als Vollblut-Arzt in der Patientenversorgung gesehen und auch so gearbeitet. Mit der gleichen Konsequenz und Leidenschaft habe ich dann in andere Geschäftsfelder gewechselt. Ursächlich war die Erkenntnis, im klinischen Alltag "nur" auf der Prozessebene Einfluss auf die Abläufe im Krankenhaus nehmen zu können. Wissenschaftlich habe ich mich mit Qualitäts- und Risikomanagement in der Intensivmedizin und der Wirtschaftlichkeit unseres ärztlichen Handelns auseinandergesetzt. Somit habe ich das Schaffen von Strukturen und die Steuerung von Organisationen als Grundlage der erzielbaren Ergebnisse ohnehin aufmerksam beobachtet. Um die Unterschiede tatsächlich zu erfahren, habe ich mich dann entschieden das Krankenhaus zu verlassen und mit der Lufthansa eine aus meiner Sicht ideale Wirkungsstätte gefunden.

positionen: Was konnten Sie bei der Lufthansa lernen, was Ihnen auch heute im Klinikmanagement hilft?

Prof. Jürgen Graf: Lufthansa hat mich Führung und Organisation gelehrt - mit allen Facetten eines global agierenden Konzerns. Ich habe das Handwerkzeug des Managements erlernt, das heißt Personalführung und -entwicklung ebenso wie Projektmanagement, Marketing, das Aufstellen von Businessplänen, Verantworten von Budgets, Change Management, Verhandlungsführung und vieles mehr. Durch meine Tätigkeit beim Medizinischen Dienst habe ich außerdem die Arbeit im Krisenstab kennengelernt, wurde zum Flugmediziner, fliegerärztlichen Sachverständigen und Piloten ausgebildet und habe in internationalen Organisationen wie der WHO, ICAO und EASA gearbeitet. All diese Erfahrungen helfen mir heute bei meiner gegenwärtigen Tätigkeit - jeden Tag.

positionen: Was ist für Sie das Reizvolle an der Position des Ärztlichen Direktors eines Universitätsklinikums?

Prof. Jürgen Graf: Der Fortschritt der Medizin findet an Universitätsklinika statt, somit ist dies natürlich der bevorzugte Arbeitsplatz für einen wissenschaftlich interessierten Arzt. Die Universitätsmedizin bietet durch die gleichberechtigte Berücksichtigung von Lehre, Forschung und Krankenversorgung ganz besondere Herausforderungen und auch Problemfelder wenn es um die Organisation der klinischen Leistungserbringung geht - eine der Kernaufgaben eines Ärztlichen Direktors.

positionen: Gleichzeitig kümmern Sie sich um die Ausbildung der nächsten Generation von Ärzten.

Prof. Jürgen Graf: Richtig. Am Universitätsklinikum besteht aufgrund der Ausbildung von Medizinstudenten außerdem die Chance, bereits vor Aufnahme der beruflichen Tätigkeit der nächsten Generation von Ärzten den ein oder anderen Akzent zu setzen und im universitären Umfeld auch über den medizinischen Fachbereich hinaus Anschlussfelder zu finden und innovative Entwicklungen aufzugreifen. Kurz zusammengefasst liegt der größte Reiz in der Möglichkeit, in einem ganz besonderen Umfeld Impulse für die Zukunft setzen zu können.

positionen: Eine Stellenbesetzung für ein Unternehmen in öffentlich-rechtlicher Trägerschaft ist immer eine Gradwanderung zwischen dem Vertrauensschutz des Kandidaten und dem Informationswunsch vieler Stakeholder. Wie haben Sie dieses Spannungsfeld in dem Besetzungsverfahren erlebt?

Prof. Jürgen Graf: Dieses Spannungsfeld wurde für mich erst etwa im letzten Drittel des Besetzungsverfahrens spürbar, als mein Name den Klinik- und Institutsdirektoren bekannt wurde. Diese haben dann teilweise ihre Kolleginnen und Kollegen an meiner damaligen Wirkungsstätte kontaktiert, was Fragen und Diskussionen aufgeworfen hat. Auf der Trägereben und bei meinen Kolleginnen und Kollegen der Krankenhausleitung habe ich schon früher im Verfahren mitgeteilt, dass ich mich in Gesprächen befinde. Die Szene ist recht klein, somit werden auch viele Informationen rasch ausgetauscht. Hier wollte ich bewusst mit offenen Karten spielen und die Kommunikation aktiv führen.

positionen: Welches sind aus Ihrer Sicht die erfolgskritischen Faktoren bei der Besetzung der Position eines Ärztlichen Direktors an einem Universitätsklinikum?

Prof. Jürgen Graf: Wichtig ist das Einbinden der unterschiedlichen Interessengruppen in jeweils angemessener Weise und zum richtigen Zeitpunkt. Zu nennen sind hier insbesondere der Träger, der große Bereich der Krankenversorgung mit Klinikdirektoren, Pflege, Verwaltung und Betriebspartnern sowie der Fachbereich und die Universität. Nicht weniger wichtig ist die 'Passung' der Person in Bezug auf die Ziele, das Image und die Unternehmenskultur des jeweiligen Universitätsklinikums. Dies gilt insbesondere für das direkte Arbeitsumfeld des Ärztlichen Direktors, also den Vorstands, die Klinikdirektoren und Abteilungsleitungen, den Fachbereich sowie des Aufsichtsgremium.

positionen: Wie ist Ihre Vision für das Universitätsklinikum Frankfurt?

Prof. Jürgen Graf: Gemeinsam Lehre, Forschung und Krankenversorgung so weiter zu entwickeln, dass sich Frankfurt unter den Top Five der Universitätsklinika in Deutschland etabliert.

 

Prof. Jürgen Graf

1969 in Erwitte/Soest geboren, studierte Jürgen Graf Humanmedizin in Aachen und London/Ontario. 2007 wurde er an der Philipps-Universität Marburg im Fach Intensivmedizin habilitiert, außerdem erwarb Graf den Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin. Nach seinen ärztlichen Tätigkeiten am Universitätsklinikum Aachen, im Rätischen Kantonspital in Chur und am Universitätsklinikum Gießen und Marburg, wechselte er 2009 in den Medizinischen Dienst der Deutschen Lufthansa AG. 2014 wurde er Klinischer Direktor beim Klinikum Stuttgart. Seit Juli 2016 ist er Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Frankfurt.

 

Universitätsklinikum Frankfurt am Main

Das 1914 zusammen mit der Goethe-Universität geründete Klinikum umfasst 32 Fachkliniken und klinisch theoretische Institute. Der enge Bezug zur Wissenschaft – Klinikum und Fachbereich Medizin betreiben zusammen weitere 20 Forschungsinstitute – sichert eine zeitnahe Umsetzung neuer Erkenntnisse in die therapeutische Praxis. Mehr als 4.000 Ärzte, Pflegekräfte und Verwaltungsangestellte kümmern sich rund um die Uhr um die Belange der Patienten.

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