In immer höhere Unternehmensebenen aufsteigen und trotzdem in seiner Heimat bleiben? Das klappt heutzutage immer seltener. Denn Deutschlands Manager machen kaum Kompromisse, wenn es um ihr Privatleben geht. Eine Ursachenforschung.

Können Sie das Buzzword „Work-Life-Balance“ auch nicht mehr hören? Tatsächlich ist es aus unserer Lebenswirklichkeit nicht mehr wegzudenken. Einerseits gut so. Andererseits führt diese Maxime auch zu einer abnehmenden Mobilität der Manager. Und zu weniger Managern, die auslandserfahren sind und sich damit für höhere Positionen empfehlen. Aber der Reihe nach.

Gerade einmal 54 Prozent der Manager würden für ihren nächsten beruflichen Schritt in die Nähe ihres neuen Arbeitgebers ziehen, wie unser Manager-Barometer zeigt. Vor zwei Jahren war dies noch für rund 64 Prozent selbstverständlich. Auch für den Job auf das tägliche Familienleben zu verzichten und eine Fernbeziehung zu führen, ist relativ unbeliebt. Nur für 38 Prozent der Manager kommt dies infrage. In der Befragung vor zwei Jahren erklärten sich noch rund 45 Prozent der Führungskräfte bereit, zu pendeln.

Es wirkt mittlerweile wie ein Naturgesetz: Das Privatleben wird wichtiger – ob mit oder ohne Kinder. Der Trend zeigt sich quer durch alle Branchen, über alle Hierarchieebenen und Altersgruppen. Immerhin: Die Bereitschaft zu pendeln, steigt mit zunehmendem Alter: 51 Prozent der vor 1965 geborenen Babyboomer würden für den nächsten Karriereschritt eine Fernbeziehung führen. Dies würden nur 33 Prozent der jüngeren Manager tun. Auch bei den Geschlechtern zeigen sich Unterschiede: So hadern vor allem Frauen mit einem Familienleben auf Distanz. Nur ein Drittel der Managerinnen würde eine räumliche Trennung von ihrem Lebenspartner oder ihrer Familie akzeptieren.

Eigentlich ist diese Entwicklung folgerichtig: Weil in den vergangenen Jahrzehnten Unternehmen, Verbände und die Öffentlichkeit für eine bessere Work-Life-Balance Stimmung gemacht haben, wird heute das Privatleben nicht mehr automatisch der Karriere untergeordnet.

Die Kombination „Privatleben + Aufstieg in einem Unternehmen am Lebensmittelpunkt“ erfährt so aber ihre Grenzen. Denn die meisten Unternehmen hierzulande wachsen nicht innerdeutsch, sondern im Ausland. Mehr noch: Die Dynamik der Märkte zwingt zunehmend auch alteingesessene Unternehmen, Standorte zu verlagern. Um aber die Märkte jenseits der deutschen Grenzen zu verstehen, sollte man dort auch mal gelebt und gearbeitet haben. Man muss sich also in Zukunft umso stärker entscheiden, ob man Karriere machen oder dem Privatleben den Vorzug geben will. Denn, auch das ist Teil der Wahrheit, eine Auslandsstation ist unabdingbar, um eine Top-Position zu erklimmen.

Nicht, dass Sie mich falsch verstehen: Niemandem ist zu raten, alle ein bis zwei Jahre umzuziehen und Kinder in fremdländische Kulturen integrieren zu müssen. Es stimmt aber auch, dass Reisen bildet und die Sinne erweitert. Insofern wäre zu wünschen, dass jeder Manager auf dem Weg seiner persönlichen Entwicklung auch ein- bis zweimal durch einen Standortwechsel die Perspektive wechselt. Wie sagte schon Hermann Hesse: Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.

Link zum Handelsblatt Expertenrat 

Klaus Hansen ist Managing Partner der Personalberatung Odgers Berndtson und leitet die Practices "Board & Chair" sowie „CEO“ in Deutschland. Für das Handelsblatt schreibt er über aktuelle Themen rund um Topmanager, Führung und Karriere.

Klaus Hansen

Klaus Hansen has been with Odgers Berndtson since 1995. He heads the "Board & Chair" and "CEO" practices in Germany. Klaus primarily focuses on the search for and assessment of executive and non-ex...

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