Deutschlands renommiertester Kenner von Familienunternehmen, Prof. Dr. Brun-Hagen Hennerkes, gibt im Gespräch mit positionen einen Überblick über die Nachfolgesituation.

Mit Prof. Dr. Brun-Hagen Hennerkes sprach Jürgen van Zwoll. Fotos von Frank Blümler

 

positionen: Herr Professor Hennerkes, Sie gelten als intimer Kenner von Familienunternehmen und haben die „Stiftung Familienunternehmen“, an deren Spitze Sie stehen, im Jahr 2002 ins Leben gerufen. Welches Ziel verfolgt Ihre Stiftung?

Prof. Dr. Brun-Hagen Hennerkes: Heute stehen etwa 500 bedeutende Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 100 Millionen Euro bis hin zu zwei- bis dreistelligen Milliardenbeträgen hinter der Stiftung. Unser Fokus liegt darauf, die gesellschaftliche Position der Familienunternehmen zu stärken und ihr Sprachrohr zu sein.

positionen: Wie stark engagiert sich die Stiftung bei der Pflege eines Netzwerks von Familienunternehmern?

Prof. Dr. Brun-Hagen Hennerkes: Sehr stark. Eine wichtige Aufgabe der Stiftung besteht darin, den Erfahrungsaustausch unter den Unternehmern zu fördern. Anders als bei den großen Konzernen ist das besonders wichtig, weil die Familienunternehmen in ganz Deutschland verstreut – meist fernab der großen Metropolen – in ländlichen Regionen ihren Sitz haben.

positionen: Inwiefern engagieren Sie sich für die Förderung des familienunternehmerischen Nachwuchses?

Prof. Dr. Brun-Hagen Hennerkes: Unsere Sozietät veranstaltet einmal im Jahr am Tegernsee ein Wochenende ausschließlich für junge Menschen, die aus Familienunternehmen stammen und für sie tätig sind. An der letzten Veranstaltung haben 140 Juniorgesellschafter im Alter von 18 bis 30 Jahren teilgenommen. Sozusagen die „Generation ante portas“. Die meisten von ihnen tragen bereits Verantwortung in der Geschäftsführung, der Rest vertritt die Linien der Familie in den Aufsichtsräten und Beiräten.

positionen: Mittlerweile haben Sie sich selbst mit einer Ausnahme aus sämtlichen Beiräten zurückgezogen. Doch zuvor saßen Sie in den Beiräten zahlreicher Familienunternehmen, teilweise mehrere Jahrzehnte lang. Wie haben Sie dort Einfluss genommen?

Prof. Dr. Brun-Hagen Hennerkes: Mitgewirkt habe ich vor allem durch die Berufung von Beiratsmitgliedern. Mein Ziel war es, den Beirat so zu besetzen, dass im Gremium nur Fachleute vertreten waren, die zur Befriedigung der konkreten Bedürfnisse des Unternehmens entsprechendes Know-how besaßen. Wegen möglicher Interessenkonflikte habe ich bei der Auswahl nie auf das befreundete Netzwerk der Familie zurückgegriffen. Prinzipiell muss starke Familienbezogenheit durch externes Know-how ergänzt werden. Zugleich darf es keinen „ewigen“ Beirat geben. Das Gremium muss sich flexibel an ein geändertes Umfeld anpassen.

positionen: Welche Meilensteine waren noch wichtig für die Entwicklung von Familienunternehmen?

Prof. Dr. Brun-Hagen Hennerkes: Mit der wachsenden Zahl von Gesellschaftern ist auch das Verantwortungsbewusstsein der Familienmitglieder für das Gesamtvermögen gestiegen. Es wurde nicht mehr nur das Unternehmen gesehen. Es wurde aufgepasst, dass einzelne Familienmitglieder keine Vermögensteile ausgliedern, die sie außerhalb der Thesaurierung erworben haben. Eine einheitliche Verwaltung, für die häufig Pools gebildet werden, wurde wichtig. Ein weiterer bedeutender Schritt war die Beschränkung der Haftung in Form einer GmbH, einer GmbH & Co. oder einer Stiftung.

positionen: Was raten Sie Unternehmerfamilien, bei denen das Thema Nachfolge ganz oben auf der Agenda steht, für eine erfolgreiche Übergabe des Unternehmens – und für die Wahrung des Familienfriedens?

Prof. Dr. Brun-Hagen Hennerkes: Ganz wichtig ist eine Nachfolgeplanung: Sie sollte Bestandteil der strategischen Unternehmensplanung sein, mit allen Leistungsträgern erstellt werden und jederzeit verfügbar sein. Der Aufsichtsrat oder Beirat sollte darauf achten, dass der Junior über dieselbe fachliche und persönliche Eignung verfügt wie ein qualifizierter Dritter. Der Übergang der Verantwortung muss nahtlos und konsequent erfolgen, ohne lange Einarbeitung. Das setzt voraus, dass sich beide Generationen – meist Vater und Sohn – gut verstehen. Deswegen ist es auch wichtig, dass der Senior rechtzeitig eine Lebensplanung entwirft für die Zeit, nachdem er sich aus dem Geschäft zurückgezogen hat.

positionen: Diese goldenen Regeln hören sich gut und vernünftig an. Doch mussten Sie als Berater bei den Unternehmen nicht hier und da nachhelfen?

Prof. Dr. Brun-Hagen Hennerkes: Ich habe mich immer sehr klar und deutlich ausgedrückt. Ich war immer völlig unabhängig und habe im Zweifel unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass ich das Mandat niederlege, wenn gewisse Voraussetzungen nicht erfüllt sind bzw. werden, wie etwa der Rückzug eines einzelnen Entscheidungsträgers oder wenn Junioren nicht ausreichend qualifiziert sind.

positionen: Vor welchen Herausforderungen stehen Familienunternehmen jenseits der üblichen Themen wie Globalisierung und Industrie 4.0?

Prof. Dr. Brun-Hagen Hennerkes: Eine Herausforderung ist die stets anwachsende Zahl der Gesellschafter in Kombination mit dem Verbot des Bundesverfassungsgerichts, einzelne Gesellschafter unter Wert aus der Gesellschaft herauszukündigen. Eine weitere ist die zunehmende Internationalisierung von Familien durch die globale Mobilität der einzelnen Mitglieder, wodurch verschiedene Rechtssysteme ins Spiel kommen.

positionen: Derzeit schreiben Sie an Ihrer Autobiografie. Wird das Buch eher ein praktischer Ratgeber oder ein mit Anekdoten gespickter Erfahrungsbericht eines Grandseigneurs der Familienunternehmen?

Prof. Dr. Brun-Hagen Hennerkes: Letzteres ist richtig. Lustig und locker mit Nutzwert – so soll die Lektüre meines Buches sein. 40 Prozent will ich dem Heute und meinem Ausblick widmen, den Rest der Vergangenheit. Da wird die eine oder andere Anekdote dabei sein. Wie etwa die über einen Senior, der mit fast 80 Jahren auf meinen Rückzugsrat hin seine Maschinenfabrik an seine Tochter übergibt und zusammen mit seiner Frau zwei Monate auf Weltreise geht. Kaum ist er wieder zurück, bekomme ich einen Anruf seiner Tochter, die mir berichtet: „Mein Vater hat sich als Erstes in sein Büro gesetzt und alle wichtigen Mitarbeiter zu sich kommen lassen.“ Nach einem weiteren Gespräch mit mir hat es dann doch noch geklappt mit seinem Rückzug.

positionen: Herr Professor Hennerkes, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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