Deutschland hat am Sonntag die Wahl. Wirklich? Eine führungsstarke, mitreißende Persönlichkeit ist weit und breit nicht zu sehen. Dabei ist das Stellenprofil für den Bundeskanzler-Job nicht unerfüllbar. Eine Herleitung.

Erinnern Sie sich noch? In meiner jüngsten Kolumne waren führungsmüde Manager das Thema. Führungskräfte, die sich lieber um sich selbst und ihre Work-Life-Balance kümmern als um ihre Mitarbeiter. Von hier ist es nur ein Katzensprung zur in weiten Teilen Deutschlands herrschenden Politikmüdigkeit.

Die Entwicklung erinnert an die 60er-Jahre des vorherigen Jahrhunderts, als sich Deutschland in der Gemütlichkeit des Wirtschaftswunders eingerichtet hatte. Der gravierende Unterschied: Damals muckten Teile der Studentenschaft auf, agitierten gegen das Establishment. Praktisch undenkbar in der heutigen Konsens- und Was-geht-mich-das-an-Kultur. Der Zustand ist gefährlich, und hat vor allem zwei Folgen.

Zum Ersten erscheinen durch das weitgehende Desinteresse an der politischen Mitwirkung Anhängerschaften von Parteien am Rande der Demokratie größer, als sie in Realität sind.

Zweitens findet sich in der Politik immer mehr Mittelmaß, da die Grundgesamtheit möglicher Bewerber für die politische Arbeit immer kleiner wird. Statt scharfsinnigen, klugen Köpfen arbeiten Menschen in der Bundespolitik, die zumeist gähnende Langeweile verbreiten.

Auf die Spitze getrieben wurde dies beim Duell der beiden Spitzenkandidaten: Wer das liebevolle Miteinander von Angela Merkel und Martin Schulz bis zum Ende geschaut hat, der verdient einen Durchhalte-Orden. Das politische Establishment zergeht sich in Political Correctness, die zwar zum deutschen Gutmenschen passt, aber jegliche Authentizität tötet. Stellen Sie sich mal bitte vor, wie etwa ein Daniel Cohn-Bendit anstelle von Angela Merkel oder Martin Schulz aufgetreten wäre!

Kein Wunder, dass weiter viele Bürger das Interesse an der Politik verlieren. Ein Teufelskreis. Das aktive Mitwirken in der Demokratie rutscht in der Bedeutung ab – auch zu erkennen an der steigenden Quote von Briefwählern. Schon mal überlegt, der Stimmauszählung beizuwohnen? Das Gesetz erlaubt dies.

Teamplayer im Kanzleramt

Was ist also zu tun, was zu wünschen? Vergleicht man die Rolle des Bundeskanzlers (m/w) mit dem CEO eines Unternehmens, dann ergibt sich ein ganz klares Stellenprofil. Wer unsere Republik anführen will, der muss Leidenschaft verbreiten und Aufgaben mit Herzblut angehen. Die vielschichtige Persönlichkeit sollte einerseits inspirieren und polarisieren können, aber auch fähig sein, Visionen aufzuzeigen, das Land wachzurütteln und notwendige Transformationen gegen Widerstände durchzuboxen. Gewiss muss dabei die Gabe gegeben sein, Menschen mitzunehmen – statt zu überrumpeln.

Aufgrund der immer komplexer werdenden Herausforderungen ist ein Teamplayer zwingend erforderlich. Für seine Führungsmannschaft braucht er die denkbar besten Kräfte, die zu finden sind – und nicht die, die mit einem Posten versorgt werden müssen. Gleich mit dem Amtsantritt gilt es, für die die Zeit danach vorzusorgen, also einen Nachfolger aufzubauen – und nicht zur Seite zu räumen. Schließlich ist keiner unersetzlich.

Erfüllt derzeit jemand dieses Profil? Wenn am kommenden Sonntag gewählt wird, ist es wohl sehr unwahrscheinlich, dass ein solcher CEO für das Land gefunden wird. Einer, der statt politischer Korrektheit im Überfluss klare Kante zeigt, national wie international.

Aber nach der Wahl ist vor der Wahl. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Link zum Handelsblatt Expertenrat 

Klaus Hansen ist Managing Partner der Personalberatung Odgers Berndtson und leitet die Practices "Board & Chair" sowie „CEO“ in Deutschland. Für das Handelsblatt schreibt er über aktuelle Themen rund um Topmanager, Führung und Karriere.

Klaus Hansen

Klaus Hansen has been with Odgers Berndtson since 1995. He heads the "Board & Chair" and "CEO" practices in Germany. Klaus primarily focuses on the search for and assessment of executive and non-ex...

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