Seit Susanne Gaensheimer in Frankfurt ist, zeigt sie den Bürgern der Stadt zeitgenössische Kunstschätze. Die Direktorin des Museums für Moderne Kunst (MMK) versteht es auszubrechen aus räumlichen und finanziellen Zwängen. Das weltweit anerkannte Museum für Gegenwartskunst hat sie zu einer Markenfamilie entwickelt, die mittlerweile an drei Orten der Stadt zu Hause ist. 

Mit Dr. Susanne Gaensheimer sprachen Christine Kuhl und Dagmar-Elena Markworth. Fotos von Frank Blümler

 

positionen: Frau Dr. Gaensheimer, wir stehen hier, wo Sie im Oktober 2014 Unmögliches möglich gemacht haben: Ein städtisches Museum eröffnet ein neues Ausstellungshaus. Aus dem MMK wurde MMK1, MMK2 und MMK3. Wie hartnäckig mussten Sie sein, damit sich lhre langjährige Forderung erfüllte?

Dr. Susanne Gaensheimer: Ziemlich hartnäckig. Zwar ist Florian Reiff, der Deutschland-Geschäftsführer von Tishman Speyer auf uns zugekommen. Ihm war bewusst, dass in unserem Museum ein unheimlicher Schatz schlummert. Zudem musste der Immobilienentwickler des Taunus-Turms die übliche Auflage erfüllen, einen Teil der neu erbauten Fläche zu einem günstigeren Mietpreis der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. So ist die Idee entstanden, das MMK im ersten Stock des Hochhauses auf rund 2.000 Quadratmetern für 15 Jahre miet- und nebenkostenfrei einziehen zu lassen. Danach folgten dann zwei Jahre, in denen wir über jeden Quadratmeter verhandelt haben. Wir haben alle für das Museum notwendigen Anpassungen peu à peu erarbeitet- allerdings in einem insgesamt sehr konstruktiven Prozess. Dabei hat uns die Stadt außerordentlich unterstützt. Tishman Speyer hat sich sehr engagiert und vieles nach unseren Wünschen aus- und umgebaut.

positionen: Auch Odgers Berndtson ist seit Jahresanfang Mieter im 11. und 12. Stock des TaunusTurms. Für eine Beratungsgesellschaft sind die Gegebenheiten perfekt, aber für ein Museum?

Dr. Susanne Gaensheimer: In der Tat waren die baulichen Gegebenheiten eine Herausforderung für uns. Entscheidend war die Frage, ob wir es schaffen würden, unsere Räume klimatechnisch so auszurüsten, wie es für ein Museum aus konservatorischen Gründen notwendig ist. Es war klar, dass das sehr aufwendig werden würde, da wir nur wenige fest eingebaute Wände haben würden. Die wichtigste Voraussetzung, die Deckenhöhe, war gerade so erfüllt: Mit knapp fünf Metern eigneten sich die Räumlichkeiten, die eigentlich für eine Büronutzung ausgelegt waren, als Ausstellungsfläche für Kunst.

positionen: Wie haben Sie die Klima-Herausforderung gelöst?

Dr. Susanne Gaensheimer: Indem sich die Techniker von Tishman Speyer mit unserem Architektenteam zusammengesetzt und eine Lösung entwickelt haben. Die Rettung war, dass wir die Wände von zwei Räumen ohnehin fest einbauen wollten, um darin auf einer abgeschlossenen Fläche Video- und Toninstallationen zu zeigen. Diese fest eingebauten Wände haben dann ausgereicht, um darin die Technik für die Klimaanlage zu verstecken.

„Für die Personalsuche nehme ich mir Zeit und verwende darauf viel Augenmerk.“

positionen: Der Mieterlass sichert den ständigen Betrieb der Dependance noch nicht. Dafür bedarf es privater Förderer. Zu den Gründungspartnern des MMK2 zählen der Unternehmer Stefan Quandt, die dem Hause sehr verbundene Ernst Max von Grunelius-Stiftung, die Helaba und die Deka-Bank. Wie schwer ist es, private Geldgeber für kulturelle Projekte zu gewinnen?

Dr. Susanne Gaensheimer: Viel schwerer als in den Vereinigten Staaten zum Beispiel. Jeder der dort ein bisschen besser verdient, hat in seiner Steuererklärung Spenden für Soziales, Bildung oder Kunst und Kultur eingerechnet. Für Menschen, die dort Millionäre oder Milliardäre sind, ist es völlig normal, eine Million zu geben. In Deutschland ist das nicht so der Fall, hier muss man die Förderer und Sponsoren überzeugen. Hierzulande herrscht die Einstellung vor, dass die Bürger genug Steuern zahlen und damit ihre gesellschaftliche Verantwortung erfüllt haben.

positionen: Das klingt sehr zeit- und kräfteraubend, die Finanzierung des Museums zu sichern.

Dr. Susanne Gaensheimer: Im Gegensatz zu anderen öffentlich finanzierten Häusern in Deutschland verfügen die städtischen Museen in Frankfurt über eine begrenzte Grundfinanzierung. Wir haben zum Beispiel keinen Ankaufsetat. Unser Ausstellungsprogramm wird von der Stadt nur bezuschusst. Mit diesem Zuschuss können wir etwa ein Viertel unserer Gesamtausgaben bestreiten. Die restlichen drei Viertel decken wir durch Spenden, Sponsoring und durch Stiftungsgelder ab. Stiftungen wie die Kulturstiftung des Bundes, die Hessische Kulturstiftung und der Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main zählen zu unseren großen Geldgebern. Wir müssen natürlich immer am Ball bleiben und uns darauf konzentrieren, Projekte zu entwickeln. Um das leisten zu können, braucht man eine eigene Abteilung, die auch nicht da war, als ich nach Frankfurt gekommen bin.

positionen: Wie sah das Museumsteam aus, als Sie 2009 die Leitung des MMK übernahmen?

Dr. Susanne Gaensheimer: Als ich anfing, gab es weder eine Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit noch eine für den Bereich Museumspädagogik. Trotz Einstellungsstopps gestand mir Kulturdezernent Felix Semmelroth eine weitere Stelle für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zu. Die neue Abteilung Museumspädagogik habe ich dann über Jahre selbst finanziert aus den Erlösen der MMK-Stiftung sowie aus Zustiftungen. Mittlerweile ist es uns gelungen, eine fest finanzierte Stelle für Museumspädagogik genehmigt zu bekommen.

positionen: Wie wichtig nehmen Sie die Personalsuche?

Dr. Susanne Gaensheimer: Sehr wichtig, zumal bei uns die meisten Stellen unbefristet sind. Für die Personalsuche nehme ich mir Zeit und verwende darauf viel Augenmerk. Hier muss ich die richtige Wahl treffen, sonst habe ich ein Problem.

positionen: Sie sind jetzt das achte Jahr in Frankfurt, Ihr Vertrag wurde verlängert bis Ende 2018. Wie sieht Ihre Zwischenbilanz aus?

Dr. Susanne Gaensheimer: Wir haben viel geschafft, ich bin sehr zufrieden. Mittlerweile hat das MMK ein sehr gutes Standing in Frankfurt und hat sich zu einer eigenen Marke entwickelt. Als ich nach Frankfurt gekommen bin, war zwar überregional bekannt, wie bedeutend die Sammlung des MMK ist. Doch in der Stadt selbst war das vielen nicht richtig bewusst, noch nicht einmal der Oberbürgermeisterin. Die Sammlung ist so unerschöpflich, dass allein unsere mehr als 5.000 Werke ausreichen würden, um zehn Jahre lang ein vielfältiges Ausstellungsprogramm zu bestreiten.

positionen: Ließe sich das auch umsetzen?

Dr. Susanne Gaensheimer: Die Stadt hat uns nach hartnäckiger Überzeugungsarbeit mehr Stellen genehmigt. Mittlerweile haben wir eine zusätzliche Stelle in der Restaurierung und eine weitere im Depot hinzubekommen. Gerade haben wir einen Registrar einstellen können, der extrem wichtig für die Ausstellungsorganisation ist. Dennoch: Wir sind personell immer noch unterbesetzt. Wir haben zum Beispiel keinen Verwaltungsleiter, den eigentlich eine Institution dieser Größe bräuchte. Und wir dürfen nicht vergessen, dass der Ausstellungsraum für das MMK2 nur zeitlich befristet zur Verfügung steht. Ohnehin ist das Verhältnis zwischen Gebäude und Größe der Sammlung sehr unverhältnismäßig. Unser großes Problem ist, dass wir gar keine größeren Schenkungen annehmen können, weil uns schlichtweg der Platz fehlt. Wenn ich drei Wünsche frei hätte, würde ich mir dauerhaft mehr Raum, mehr Personal und mehr Geld wünschen.

positionen: Macht Ihnen die Aufgabe als Museumsmanagerin Freude?

Dr. Susanne Gaensheimer: Das Managen mache ich gerne, das macht mir wirklich Spaß. Vor allem in Frankfurt, weil die Leute hier aus den Banken und Kanzleien, aber natürlich auch in unserem Kuratorium so unglaublich offen, unterstützend und interessiert sind.

positionen: Interessant oder interessiert?

Dr. Susanne Gaensheimer: Beides (lacht). Die Leute kennen sich aus, fragen nach und können gleichzeitig Dinge gut einordnen. Das ist toll, das ist nicht so in jeder Stadt. Das Bürgertum hat sich in Frankfurt seine eigene Kultur geschaffen. Es gibt keine andere deutsche Stadt, wo eine solche Dichte an hervorragenden Kultureinrichtungen zu finden ist. Deswegen sind wir auch alle so lange hier. So wie Max Hollein, der fast 15 Jahre in Frankfurt war.

positionen: Hollein, der das Städel, die Schirn und das Liebieghaus in Personalunion geleitet und geprägt hat, verlässt jetzt die Mainmetropole. Ist das für Sie eine große Veränderung?

Dr. Susanne Gaensheimer: Uns stehen in mehrfacher Hinsicht Veränderungen bevor. Nicht nur Hollein verlässt Frankfurt, sondern die Stadt bekommt mit der freien Literaturkritikerin und SPD-Politikerin Ina Hartwig eine neue Kulturdezernentin, die ihre eigene Handschrift mitbringen wird, was auch gut ist.

„Das Feld der Gegenwartskunst ist groß genug. Man kann sich darin sehr gut positionieren.“

positionen: Ihr Vorgänger, Udo Kittelmann, empfand Holleins Wirken manches Mal als Eingriff in die Kompetenzen des MMK. Wie würden Sie Ihre Zusammenarbeit mit Hollein beschreiben?

Dr. Susanne Gaensheimer: Wir hatten ein sehr kollegiales Verhältnis. Unsere Standpunkte und Herangehensweisen waren unterschiedlich. Folglich haben wir uns in unserem Wirken und bei unseren Künstlern nur punktuell überschnitten. War das der Fall, haben wir kooperiert, wie gleich zu Beginn meiner Zeit in Frankfurt mit der gemeinsamen Ausstellung zu Peter Roehr in beiden Häusern. Das Feld der Gegenwartskunst ist groß genug. Man kann sich darin sehr gut positionieren. Aber das muss man dann auch kollegial machen.

positionen: Haben Sie voneinander gelernt?

Dr. Susanne Gaensheimer: Auf jeden Fall. Ich habe vorher in einem anderen Kontext gearbeitet. In München war ich Sammlungsleiterin, keine Direktorin, die die finanzielle Verantwortung für ein Museum hat. Von Hollein habe ich einiges gelernt, indem ich einfach beobachtet habe, wie er mit dem Thema Fundraising umgeht.

positionen: Worauf dürfen sich die Besucher und die Förderer des MMK freuen?

Dr. Susanne Gaensheimer: Auf längere Öffnungszeiten. Neben unseren "Sandwich-Touren" für den Kunstgenuss in der Mittagspause planen wir ein After-Work-Format für den MMK-Besuch zwischen 18 und 20 Uhr. Und mit unseren Förderern möchten wir nach Lateinamerika reisen. Wir arbeiten gerade an einem größeren Austauschprojekt zur Kunst in Lateinamerika in den 1950er und 60er Jahren.

positionen: Frau Dr. Gaensheimer, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Dr. Susanne Gaensheimer

Als Susanne Gaensheimer 2009 die Leitung des MMK in Frankfurt von Udo Kittelmann übernimmt, findet ihre erste Sonderausstellung ausgerechnet in Zusammenarbeit mit Max Hollein statt, der als Museumsmanager in der Stadt neue Maßstäbe gesetzt hat. Doch die promovierte Kunstwissenschaftlerin ist selbstbewusst genug, sich neben Hollein zu behaupten und künstlerische Schnittpunkte für eine Zusammenarbeit zu nutzen. Und sie ist hartnäckig genug, um die Stadt und potenzielle Förderer für die Finanzierung ihrer Ideen zu begeistern. Die heute 49-Jährige kommt aus München, wo sie von 2001 bis 2008 die Sammlung für internationale Gegenwartskunst im Lenbachhaus leitete. 2011 kuratierte sie den deutschen Pavillon der Biennale di Venezia und erhielt dafür den "Goldenen Löwen", die höchste Auszeichnung der Biennale. Auch 2013 kuratierte sie den deutschen Beitrag zur Biennale. 

 

MMK Museum für Moderne Kunst

Vor 25 Jahren öffnete das MMK seine Pforten und konnte damit die große Lücke eines fehlenden Museums für Gegenwartskunst in Frankfurt schließen. Heute zählt es zu den weltweit bedeutenden Häusern für zeitgenössische Kunst. In seiner jungen Geschichte hat das MMK eine einzigartige Sammlung aufgebaut, die mittlerweile über 5.000 Kunstwerke von Malerei bis Video umfasst. Der von Hans Hollein entworfene Museumsbau, auch "Tortenstück" genannt, wurde bald zu klein, um alle Werke zu präsentieren. Daher kam es anlässlich des 20-jährigen Bestehens des MMK zu einer Premiere: In dem zum Abriss frei gegebenen Gebäude auf dem ehemaligen Degussa-Gelände, heute MainTor-Areal, konnte das MMK erstmals Werke fast aller Künstler der Sammlung in einer Überblicksausstellung zeigen.

Insights

Insight

The pursuit of happiness

There’s a lot of pseudo-science out there about motivation, and the higher you climb the corporat...

Insight

Riding the Unicorns

They are called unicorns. They are the new kids on the block, the pioneering and highly innovati...

Insight

March of the wearables

Innovation and automation have been the two pillars of improving productivity since the first fac...